|
Der Ernst der Liebe 2
DIE RIVALIN
Wieder einmal saß sie in ihrem Auto. Es war schon dunkel, und die Dunkelheit gab ihr die gewünschte Anonymität. Gewissenhaft und unerbittlich beobachtete sie das Haus und seine Bewohner. Und keiner von ihnen ahnte, dass er beobachtet wurde, keiner wusste, dass sie da war. Warum auch, niemand rechnete mit ihr, sie war raus aus dem Spiel, das dachten gewisse Leute. Aber sie irrten sich, sie war nicht raus aus dem Spiel, es fing gerade erst an.
Mittlerweile war es ein Zwang für sie geworden, ein Zwang, der teilweise schöne, aber auch wütende Gefühle in ihr erweckte. Es geschah fast immer an den Wochenenden, da hatte sie am meisten Zeit und musste niemanden Rechenschaft darüber abgeben, was sie trieb. Sie saß in ihrem Auto und spähte verstohlen zum ersten Stock hinauf. Leider konnte man nie viel erkennen, aber manchmal sah sie jemanden am Fenster vorbeigehen, und manchmal erkannte sie Chris, und ihr Herz fing wie wild an zu schlagen.
Manchmal sah sie auch schemenhaft eine Frau. Das musste sie sein. Es tat weh, sie zu sehen. Was fand er an ihr? Sie war doch nur ein dummes Kind, weder schön, noch bedeutungsvoll. Was konnte sie ihm geben? Nichts! Es handelte sich nur um ein Strohfeuer, Chris liebte das Mädchen nicht wirklich, er war nur geblendet von irgend etwas, das sie an sich hatte. Vielleicht war dieses Kind ja gut im Bett, das musste es sein. Ihre eigenen Gefühle in dieser Sache waren eher unterkühlt, sie hielt andere Dinge für wichtiger, und auch Chris würde bald aus seiner Verblendung aufwachen.
Denn nur SIE war seine wahre Liebe, sie war ihm ähnlich, sie war gebildet, er konnte sich mit ihr sehen lassen, sie vermochte es, interessante Gespräche mit jedem seiner Bekannten zu führen. Und sie war schön! Das sagte jeder, der sie traf. Sogar er hatte es am Anfang gesagt, hinterher nicht mehr. Aber es wurde noch schlimmer, er verbrachte immer weniger Zeit mit ihr, bis er schließlich kaum noch kam. Auf ihr vorsichtiges Nachfragen sagte er einfach: „Du wusstest doch von Anfang an, dass ich nicht für eine Beziehung geschaffen bin, ich habe es dir gesagt. Trotzdem war es sehr schön mit Kai und dir.“
Stundenlang hatte sie düster über diese Worte nachgegrübelt. Es konnte doch nicht aus sein, was war passiert?
Erst später kam ihr zu Bewusstsein, dass er Kai an die erste Stelle gesetzt hatte. Mit Kai und dir... Hatte das eine Bedeutung? Sie schob den Gedanken entschlossen von sich weg, das war purer Zufall, sie und Kai gehörten zusammen, sie waren seine Familie, und er war die große Liebe ihres Lebens, neben ihm verblassten alle anderen Männer. Sie wollte ihn! Er sah blendend aus, war intelligent, kam aus guter Familie, sein Vater war Professor... Sie würden wieder zusammenkommen, keine Frage! Aber wieso hatte er sie überhaupt verlassen? Langsam erhärtete sich ein Verdacht in ihr.
Irenes Verhalten hatte sich ihr gegenüber schon seit längerer Zeit stark abgekühlt. Und es passierte lange bevor Chris gegangen war. Hatte Irene sie etwa bei Chris schlechtgemacht? Sicherlich, aber damit würde sie nicht durchkommen!
Denn sie und Chris trafen sich trotzdem noch – ab und zu fragte er sie um Rat, denn sie unterrichtete auch, allerdings an einer anderen Schule, und manchmal besuchten sie Sportveranstaltungen mit Kai, denn er liebte Kai wie einen Sohn.
Doch dann auf einmal änderte sich wieder alles. Er kam nur noch selten vorbei, und wenn, dann grübelte er vor sich hin und schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein.
Und später erfuhr sie von Irene, dass er eine Freundin hatte. Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Es konnte nicht sein, sie weigerte sich, das zu akzeptieren. Also fing sie an, sich selber ein Bild zu machen, fing an, das Mädchen zu beobachten. Es sah zwar hübsch aus, war aber bei weitem nicht so schön wie sie. Karen war stolz auf ihre regelmäßigen Gesichtszüge, ihr dichtes blondes Haar und auf ihren perfekten Körper, keine andere Frau konnte da mithalten.
Es war kalt im Auto, sie fröstelte und zog ihren Mantel enger um sich. Oben in der Wohnung tat sich anscheinend nichts, niemand war zu sehen, und sie wollte schon frustriert den Motor starten und nach Hause fahren, als just in diesem Augenblick das Licht im Hausflur anging. Sie duckte sich unauffällig in ihren Sitz, behielt aber die Haustür gut im Blick.
Die Tür wurde von innen aufgerissen, und Chris stürmte aus dem Haus. Sie konnte erkennen, dass er wütend aussah. Er blieb kurz stehen, schüttelte den Kopf, murmelte etwas in sich hinein – und dann ging er mit großen Schritten in Richtung Innenstadt. Karen schwankte. Sollte sie ihm folgen? Der Gedanke war verführerisch, aber sie gab ihm nicht nach. Sie sollte besser noch ein Weilchen ausharren, vielleicht passierte ja etwas Entscheidendes. Und wenn es in ihrem Sinne war, dann würde sie einen Plan schmieden, um Chris zurückzugewinnen. Sie hatte ja noch die Schlüssel zu seiner Wohnung. Nein, er hatte ihr niemals diese Schlüssel gegeben. Wozu auch? Er hielt sich fast immer in IHRER Wohnung auf, bei ihr und Kai. Aber trotzdem hatte sie damals schon Vorsorge getroffen, sie ließ nämlich eine Kopie seiner Schlüssel anfertigen. Das geschah natürlich heimlich, er schlief noch in ihrem Bett, während sie bereits unterwegs war...
Der Schlüssel, er war der Schlüssel zu ihm. Karens Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, das im Dunkel der Nacht aussah wie eine verzerrte Fratze, jedenfalls hätte es ein Beobachter so gesehen, aber es war weit und breit kein Beobachter in Sicht.
Karens hämisches Lächeln vertiefte sich, als sie noch jemanden aus dem Haus kommen sah. Es war eine junge dunkelhaarige Frau, fast ein Kind noch, in der rechten Hand hielt sie ein Laptop, das konnte man deutlich im Licht der Straßenlaterne erkennen – und mit der linken Hand wischte sie sich über die Augen. Sie wirkte verzweifelt, das analysierte Karen schnell. Die junge Frau lief hastig in die Einfahrt neben dem Haus, stieg dort in das kleine Auto, setzte mit Vollgas zurück und fuhr dann mit hoher Geschwindigkeit davon.
Na also, endlich war es so weit! Jetzt brauchte sie nur noch ein paar Informationen...
~~~~~~~~~~~
WENN ER NICHT GEWESEN WÄRE...
Irma war eine überaus gewissenhafte Person, und als solche fühlte sie sich verantwortlich für ihre Versprechen. Der Proff hatte ihr die Adresse der kleinen Autowerkstatt beschafft, wo sie ihren Karmann günstig reparieren lassen konnte. Der Proff mochte das Autochen sehr, er schaute immer so versonnen drein, wenn er es sah. Vielleicht dachte er dabei an seine verstorbene Frau, an Chris’ und Irenes Mutter. Er musste sie sehr geliebt haben. Jedenfalls hatte Irma ihm versprochen, er könne ab und zu mit dem Karmann eine Spritztour machen.
Das würde ja nun flachfallen, denn sie wohnte nicht mehr bei Chris. Irma kamen fast wieder die Tränen, er hatte sich nicht gemeldet. Okay, sie hatte alles getan, um unerreichbar zu sein, aber wenn er es wirklich gewollt hätte, dann... Mistkerl! Und den Karmann konnte sie jetzt auch nicht mehr brauchen, kein Kinderwagen würde jemals in ihn hineinpassen, Chris’ Auto wäre viel besser geeignet...
Irma fühlte, wie ihr wirklich die Tränen kamen, aber sie schluckte sie tapfer hinunter. Es ist vorbei, dachte sie bitter. Es war nicht zu reparieren, obwohl etwas Sentimentales in ihr – oder etwas Masochistisches – sich immer noch nach ihm verzehrte... Nein, aus und vorbei!
Der Proff schien nicht überrascht zu sein, sie hier zu sehen. Er hatte anscheinend keine Ahnung, dass sie und Chris nicht mehr zusammen waren. Nicht mehr zusammen waren... Es tat ihr weh, obwohl sie sich doch mittlerweile dran gewöhnt haben müsste. Die letzten drei Tage hatte sie mit Ach und Krach überstanden, immer wartend auf irgend etwas, trotz abgestellter Türklingel und trotz abgestelltem Telefon. Von wegen dran gewöhnt...
„Ich wollte eigentlich nicht mehr hier vorbeikommen“, begann sie vorsichtig. „Aber du hast mir die Adresse dieser Werkstatt verschafft, und ich stehe in deiner Schuld.“
„Aber Irma, warum wolltest du nicht mehr vorbeikommen? Was ist denn los?“ Der Proff schaute sie ratlos an.
„Kann es sein, dass Chris keine Kinder mag?“ Was redete sie da? Verdammte Hormone! Sie konnte sich ja selber nicht mehr trauen.
Der Proff sah sie erstaunt an. „Nein, das glaube ich nicht“, sagte er schließlich. „Er ist Lehrer geworden, wahrscheinlich deshalb, weil er Kinder mag. Obwohl ich es ja lieber gesehen, wenn er Arzt geworden wäre...“
„Ich hab' ja auch gedacht, dass er Kinder mag. Bis...“ Irma sprach nicht weiter.
„Bis was?“, fragte der Proff. Als Irma daraufhin eine Weile vor sich hinschwieg, wurde er ungeduldig. „Sag’ es mir Irma! Was ist denn los?“
„Er will es nicht!“ platzte es aus ihr heraus, und sie ärgerte sich noch im gleichen Augenblick darüber. Er würde denken, sie suche Hilfe bei ihm. Und diesen Eindruck wollte sie auf keinen Fall erwecken.
Der Proff sah sie zuerst verwirrt an, aber dann dämmerte Verständnis in seinem Blick auf. Er kapierte schnell, er hatte eben sehr viel Ähnlichkeit mit Chris. Chris, immer wieder Chris! Irma stöhnte leise auf
„Das glaube ich nicht!“ Der Proff sah empört aus.
„Ich glaube es ja auch nicht.“
Der Proff schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen, aber Irma kam ihm zuvor: „Aber ich will auch nicht, dass er leidet. Zum Beispiel, diese Träume, die er hat...“
„Was denn für Träume?“
„Er träumt anscheinend immer den gleichen Traum, er fängt an zu stöhnen, er bekommt keine Luft mehr, und er sagt immer einen bestimmten Satz. Das macht mir echt Sorgen.“ Irma verbesserte sich schnell. „Sollte mir Sorgen gemacht haben...“ Und wieder spürte sie, wie ihr die Tränen kamen, es war aus, sie hatte ihn verloren. Er hatte Unmögliches von ihr verlangt und sie gehen lassen.
„Wenn es so ist, wie du sagst, wenn mein Sohn das Kind wirklich nicht will, dann solltest du dir um ihn keine Sorgen machen. Du bist viel zu gut für ihn!“
„Nein, das bin ich nicht!“ sagte Irma trotzig. „Er muss einen Grund dafür haben, er liebt Kinder, das sagt Irene doch auch. Und ich war mir so sicher...“ Sie riss sich zusammen und richtete sich stolz auf. Der Proff sollte kein Mitleid mit ihr haben.
Der Proff schaute sie trotzdem mitleidig an und zögerte ein wenig, bevor er weitersprach: „Weißt du, dass ich meine Frau über alles geliebt habe? Nein, das kannst du ja nicht wissen. Seltsamerweise erinnerst du mich ein wenig an sie. Se war genauso geradeheraus wie du, und sie hat genauso bedingungslos geliebt wie du.“ Bei diesen Worten sah er grimmig aus, und Irma wunderte sich darüber. Was war passiert? Hatte seine Frau ihn etwa betrogen? War er nicht derjenige, den sie so bedingungslos geliebt hatte?
„Wie ist sie eigentlich gestorben?“ Irma hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Sie wollte schon sagen, dass es ihr leid täte, dass sie nicht berechtigt wäre, ihn das zu fragen, aber sie tat es dann doch nicht.
Der Proff schaute durch sie hindurch, als ob sie gar nicht da wäre, doch kaum einen Atemzug später sagte er heftig: „Sie ist bei Christophers Geburt gestorben!“
Irma sah ihn erstaunt an. „Aber warum…“
„Wenn er nicht gewesen wäre…“ Der Proff wandte sich unwirsch von ihr ab.
Wenn er nicht gewesen wäre… Da war doch etwas, wieso sagte er ausgerechnet diese Worte? Sie kamen Irma so vertraut vor. Wenn er nicht gewesen wäre… Und dann auf einmal fiel es ihr ein. Der Traum von Chris, das war es! Wenn er nicht gewesen wäre, dann würde sie jetzt noch leben.
Mit offenem Mund starrte sie den Proff an, während sie krampfhaft überlegte, was das wohl zu bedeuten hatte.
„Weiß Chris es?“ fiel ihr schließlich ein.
Der Proff schien um Worte verlegen zu sein. Er fing an, nervös im Zimmer hin und herzulaufen.
„Weiß Chris es?“ fragte Irma noch einmal, und ihre Stimme klang unerbittlich.
„Nein, er weiß es nicht, und Irene weiß es auch nicht. Ich wollte die beiden nicht damit belasten…“
„Ja bist du denn wahnsinnig?“ Irma war es mittlerweile egal, ob sie sich dem Proff gegenüber respektlos verhielt, sie hegte nämlich einen bestimmten Verdacht.
„Bin ich denn wahnsinnig...“ stammelte der Proff unsicher, er schaute Irma ratlos an, und seine Hände bewegten sich fahrig.
„Du hast Irene und vor allem Chris im Unklaren darüber gelassen, wie ihre Mutter gestorben ist!“
„Nicht wirklich, ich habe gesagt, sie hätte einen Unfall gehabt.“
„Aber sie hat keinen Unfall gehabt!“ hakte Irma erbarmungslos nach.
„Nein, das hat sie nicht, aber es schien mir die beste Lösung zu sein“, sagte der Proff unsicher.
„Und was ist wirklich passiert?“
„Sie war schon sehr krank, als sie wieder schwanger wurde“, der Proff sprach monoton vor sich hin, als wäre er alleine. „Sie war es eigentlich schon, als sie Irene bekam, aber wir wussten es damals noch nicht. Sie litt an einer schweren Herzkrankheit, obwohl sie noch so jung war Und sie hatte großes Glück, dass sie die Geburt überlebte. Aber das zweite Kind hätte sie nie empfangen dürfen.“ Seine Stimme stockte, bevor er zögernd weiter sprach: „Aber sie war so stur, sie wollte es, sie bestand darauf, koste es was es wolle. Auch wenn es ihr Leben war. Ich habe sie angefleht, die Schwangerschaft unterbrechen zu lassen, aber sie wollte es nicht, ich habe sie angefleht, ihre Medikamente zu nehmen, aber sie wollte es nicht...“
„Sie wollte ihr Kind schützen“, sagte Irma tonlos.
„Ja, das wollte sie, verdammt noch mal! Sie hat es abgelehnt, die Blutgerinnungshemmer zu nehmen, obwohl ich sie auf den Knien darum angefleht habe.“ Der Proff biss sich auf die Lippen, und in diesem Augenblick sah er Chris noch ähnlicher als sonst. „Und dann ist es passiert, Komplikationen bei der Geburt, verblutet bei der Geburt... Sie hat Chris gar nicht gesehen, aber sie war glücklich in ihren letzten Augenblicken, sie wusste, dass sie es geschafft hatte.“
„Das ist...“ Irma konnte nichts sagen. Der arme Chris. Seine arme Mutter, sein armer Vater. Und wieder kam ihr der Satz in den Sinn. „Wenn er nicht gewesen wäre, dann würde sie noch leben...“, sie murmelte ihn vor sich hin.
Der Proff schien nachzugrübeln. Anscheinend weckte dieser Satz in ihm Erinnerungen auf. Sein Gesicht sah verwirrt aus, und nach einer endlos scheinenden Weile schaute er sie fassungslos an.
„Was ist denn?“ fragte Irma.
„Ich weiß nicht genau, aber ich kenne diesen Satz. Kann sein, dass ich ihn selber einmal gesagt habe...“ Der Proff stand auf und lief nervös im Zimmer herum.
Er erinnerte Irma so sehr an Chris, dass sie den Blick von ihm abwandte. „Und in was für einem Zusammenhang?“
„Ich hatte früher oft Besuch von einem guten Freund, und wir sprachen manchmal nachts über... diese Dinge.“
Irma stand auf einmal ein Bild vor Augen. Sie sah Chris, damals war er noch ein kleiner Junge, der zufällig seinen Vater belauschte, als der sich nachts mit einem Freund unterhielt. Und ein paar Tage später fingen seine Träume an, und er hatte Angst. Ja, vielleicht war es so gewesen. Ein kleiner Junge, der sich schuldig fühlt und der unbewusst spürt, dass sein Vater ihn nicht liebt.
„Verdammt noch mal, ich verlange von dir, dass du das in Ordnung bringst! Er bildet sich bestimmt ein, er wäre am Tod seiner Muter schuld, und genau den Eindruck hast du ihm ja vermittelt.“
„Das wollte ich nicht...“
„Doch, genau das wolltest du!“ Irma funkelte ihn wütend an. „Du hast ihm die Schuld daran gegeben, dass seine Mutter starb. Und er hat sich den Schuh angezogen. Zum einen, weil du ihm bestimmt immer das Gefühl gegeben hast, dass du ihn nicht magst, denn er hat ja schließlich seine Mutter und deine Frau umgebracht. Und wer weiß, was er sich alles darunter vorgestellt hat...“ Sie verstummte, während der Proff wie gelähmt dastand und sie mit offenem Mund anschaute.
„Oh mein Gott!“ sagte sie nach einer Weile leise. „Was hast du nur getan?“
Der Proff war anscheinend nicht in der Lage, zu sprechen.
„Ich will, dass du mit ihm redest! Du musst ihm sagen, dass er nicht schuld am Tod seiner Mutter war.“ Irmas Stimme klang aufgebracht. „Aber vor allem musst du ihm sagen, dass DU ihn lieb hast!“
Der Proff starrte sie an und sagte schließlich: „Du musst ihn sehr lieben, so wie du dich um ihn sorgst.“
„Das ist jetzt egal,“ brachte Irma mühsam hervor, denn die Tränen schossen ihr wieder in die Augen. „Jetzt geht es um dich und um Chris. Wenn du deine Frau wirklich so geliebt hast, wie du sagst, dann musst du auch ihren Sohn lieben!“
„Ach Irma…“ Der Proff trat auf sie zu und nahm sie in die Arme. „Es wird alles in Ordnung kommen, ich werde dafür sorgen. Es geht ja schließlich auch um meinen Enkel.“ Dieser Gedanke war ihm wohl gerade erst gekommen, und er setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Ich werde Großvater! Unglaublich! Und du wirst meine Tochter...“
„Ja sicher“, schniefte Irma. „Träum’ nur weiter.“
„Es wird alles in Ordnung kommen!“
„Aber sag’ ihm nicht, dass ich hier war. Er soll sich nicht verpflichtet fühlen.“ Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, er war fast genauso groß wie Chris, und für eine kurze Weile hielten sie sich fest, bis Irma sich von ihm löste und anfing zu lächeln. Meine Güte, wie oft war das Wort ‚Liebe’ in den letzten Minuten vorgekommen? War ja fast wie in einem Kitschroman...
~~~~~~~~~~~
HOFFNUNG
Das Erwachen war immer wie ein Schock. Doch auch der Schlaf fühlte sich furchtbar an, nie konnte sie sich richtig fallen lassen und einfach aufhören zu denken. Auch im Schlaf wusste sie, was passiert war, konnte es nicht vergessen, es geisterte durch ihre unruhigen Träume, es trat in seltsamen Bildern auf, es erschreckte sie und ließ sie aufstöhnen. Und dann hatte sie immer furchtbare Angst vor der Endgültigkeit des Erwachens.
Eine ganze Woche ging das nun schon so. Aber es musste ein Ende haben! Sie sollte sich entweder damit abfinden und es hinnehmen, oder sie sollte sich noch einmal vergewissern, sich noch einmal demütigen vor ihm. Aber das war ihr mittlerweile egal. Es musste ein Ende haben. So oder so.
Sie hatte das Telefon wieder eingeschaltet, aber es tat sich nichts. Es blieb stumm, während sie es beobachtete. War es vielleicht kaputt? Sie nahm den Hörer auf, und das Freizeichen ertönte. Es war nicht kaputt, es rief nur keiner an, auch jetzt am späten Freitag Abend nicht. Sie sollte nicht mehr darauf warten.
Gerade als sie den Hörer auflegte, klingelte das Ding urplötzlich. Irma zuckte zusammen, und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Dann riss sie sich zusammen, sie ließ sich Zeit, wollte nichts überstürzen, wollte ihm zeigen, dass sie nicht darauf angewiesen war...
„Wie geht es dir?“ Irenes Stimme klang überhaupt nicht besorgt, nein, sie klang unverblümt direkt. Klasse! Hatte eigentlich niemand Mitleid mit ihr? Und warum konnte eigentlich nicht derjenige anrufen, dem sie ihren desolaten Zustand verdankte? Träum nur weiter, du... blöde Nuss!
„Beschissen!“ Natürlich zeigte sie Irene ihre Enttäuschung nicht, sondern antwortete genauso unverblümt.
„Ich verstehe dich so gut, mein Irmaschatz! Aber ich denke, jetzt wo alles heraus ist, wird sich auch alles ändern.“
„Toll! Wirklich toll!“, sagte Irma sarkastisch. „Und wieso höre ich dann nichts von ihm?
„Er ist total fertig, denn er weiß jetzt, dass er furchtbar daneben war. Aber er muss sich erst daran gewöhnen, er traut sich ja selber nichts mehr zu...“
„Von mir aus kann er sich noch zehn Jahre lang dran gewöhnen, ist mir egal...“ Irmas Stimme klang trotzig, aber Irene hörte wohl die Verzweiflung heraus.
„Er steht noch unter Schock“, meinte sie beschwichtigend. „Seltsam, Chris ist doch so ein starker Typ. Und trotzdem hat er sich von diesem Gespräch, das er zufällig belauscht hat, so beeinflussen lassen. Ich kann das immer noch nicht verstehen…“
„Das war es wohl nicht allein“, sagte Irma muffig. „Der Proff hat ihm doch deutlich gezeigt, dass er ihn nicht so liebt, wie man ein Kind lieben sollte.“ Mist, wieso verteidigte sie Chris überhaupt?
„Da hast du Recht! Und diese beiden Sachen, die angebliche Schuld am Tod seiner Mutter und die fehlende Liebe des Vaters – das sagt der Psychologe jedenfalls – diese beiden Sachen haben ihn extrem beeinflusst, bis sie sich schließlich vereinigt haben...“ Chris’ Schwester machte eine lange nachdenkliche Pause, während der Irma immer ungeduldiger wurde.
„Zu was denn?“ fragte sie schließlich ungehalten.
„Zu der Angst, ein eigenes Kind zu haben. Denn das Kind könnte die Mutter töten und würde mit einem lieblosen Vater leben müssen“, sagte Irene bedeutungsvoll.
„Freud lässt grüßen... Interessant!“ Irma versuchte, ihre Stimme sarkastisch klingen zu lassen, aber es gelang ihr nicht so richtig. Doch dann auf einmal kamen ihr Irenes Worte voll zu Bewusstsein, und sie stutzte ungläubig.
„Psychologe? Chris war bei einem Seelenklempner? Das glaube ich dir nicht! Er hasst doch diese Typen und hat sich immer über sie lustig gemacht.“
„Früher auf jeden Fall! Aber jetzt probiert er es tatsächlich aus. Der Proff hat ihm ganz schnell einen Termin besorgt, kein Wunder bei seinen Beziehungen...“ Irene schwieg wieder, und Irma wartete wortlos und vor allem gespannt auf ihre weiteren Ausführungen.
„Ich denke, Chris hat das Gefühl, er könne sich nicht aus eigener Kraft aus dem Sumpf seiner blöden Psychosen herausziehen“, sagte Irene schließlich.
„Wäre es nicht besser für ihn, mich einfach mal anzurufen?“, schlug Irma zähneknirschend vor.
„Liebes, er will nichts falsch machen, er hat Angst...“
„Aber wovor denn? Jetzt müsste er doch wissen, dass er sich alles nur eingebildet hat!“
„Das weiß er auch. Nur möchte er keinen Fehler machen, und vor allem möchte er nicht wieder rückfällig werden. Er hat zu mir gesagt, er könne es nicht ertragen, dir noch einmal weh zu tun.“
„Ha! Er tut mir die ganze Zeit schon weh! Also was soll das?“
„Hab’ ein bisschen Geduld, er wird sich schon melden, es kann nicht mehr lange dauern.“ Mit diesen Worten legte Irene auf
Oh Chris! Sie hätte geduldiger mit ihm sein müssen, ihn fragen müssen, immer wieder fragen müssen. Aber nein, sie ist davon gestolpert wie ein ängstliches Kaninchen. Sie hat anscheinend immer noch nicht geglaubt, dass er sie liebt. Aber das tut er, ganz sicher tut er das. Mein Gott, ist sie bescheuert, sie muss zu ihm, er soll nicht so leiden, denn sie ist stärker als er. Warum? Weil sie eine Frau ist natürlich. Und er soll sich ruhig an ihr auslassen, sie kann das ertragen, aber sie muss ihm sagen, dass sie ihn liebt, egal was kommt. Denn vielleicht wird er Zeit brauchen, viel Zeit. Aber die gibt sie ihm. Sie will ihn jetzt einfach nur sehen. Es ist doch schon über eine Woche her, seit...
Irma stand grübelnd in der Küche, das Telefon hielt sie noch in der Hand. Aber dann auf einmal hatte sie es ziemlich eilig, sie lief ins Badezimmer, schaute sich aufmerksam im Spiegel an, zupfte ihre Haare zurecht und biss sich auf die Lippen, damit sie nicht so blass aussahen. Wie in ‚Vom Winde verweht’, dachte sie belustigt. Da hatte Scarlett sich auch auf die Lippen gebissen, um ihnen Farbe zu geben, wollte mit diesem einfachen Mittel Rhett Butler betören. Kein schlechter Vergleich... Rhett Butler war ja auch ein Mann mit viel Erfahrung, aber Scarlett war seine große Liebe, obwohl sie ziemlich dämlich war. Aber ich bin nicht dämlich, Irma kicherte in sich hinein, während sie ihr Spiegelbild musterte. Wie gut, dass ich weiß, dass ich ihn liebe – und wie gut, dass ich weiß, dass er mich liebt.
Und wie gut, dass sie noch die Wohnungsschlüssel hatte...
~~~~~~~~~~~
IRRTÜMER
Chris wacht auf, er hat unruhig geträumt, und sogar in seinem Halbschlummer hat er Angst davor gehabt, der verdammte Traum könne ihn wieder überwältigen. Eigentlich sollte er ihn ja los sein mitsamt diesem ganzen Mist von Schuldbewusstsein und Ängsten. Der Psychologe hat gute Arbeit geleistet. Natürlich traut er dem Psychologen immer noch nicht. Die Heilung muss aus einem selber kommen, das ist seine Meinung dazu, und mittlerweile glaubt er, dass er geheilt ist. Fast geheilt ist, aber er will kein Risiko eingehen.
Erstaunt stellt er fest, dass es nicht der Traum ist, der ihn geweckt hat, sondern er spürt etwas neben sich, eine sanfte Berührung und den Hauch einer zarten Haut.
Erschreckt richtet er sich auf. Kann es wahr sein? Ist sie gekommen? Er hat es hinausgeschoben, sie zu sehen und sie um Verzeihung zu bitten, er hat Angst gehabt, sie würde es nicht verstehen – denn er versteht es ja selber nicht. Aber Irma ist eine außergewöhnliche Frau, vielleicht verzeiht sie ihm ja doch, und alles wird gut.
Sie ist wirklich da, er hat sich so nach ihr gesehnt! Langsam dreht er sich zu ihr um. Im Zimmer ist es tiefdunkel, auch die einsame Laterne links vor dem Haus kann die Dunkelheit nicht sonderlich erhellen. Aber das ist egal, er weiß, wie sie ausseht, es ist tief in ihm drin, er könnte mit geschlossenen Augen ihr Aussehen nachzeichnen und davon erzählen, er weiß alles über ihre bezaubernden Grübchen und über ihren wunderschönen Mund, über die samtweiche Haut unterhalb ihrer Brüste und ihre schlanken Beine, die ihn so oft lustvoll gefangen hielten, und er hätte weinen können vor Freude, aber er verkneift sich die Tränen, obwohl die Versuchung groß ist.
Sie ist da, endlich ist sie da... Chris atmet tief aus.
Sie liegt mit dem Rücken zu ihm, und ihre nackte Haut fühlt sich ein wenig kühl an. Friert sie etwa? Alle seine Beschützerinstinkte werden wach, es sind Gefühle, die nur Irma in ihm erwecken kann, und er legt zaghaft einen Arm um sie, um sie zu wärmen.
Und sofort spürt er, dass sie sich ihm entgegenbiegt, ihr Rücken, ihr entzückender Hintern, alles drängt sich zärtlich an ihn, und das macht ihn fast wahnsinnig. Doch er beherrscht sich, obwohl alles in ihm nach ihr verlangt. Es ist schwer, sich zu beherrschen. Sein Körper reagiert so heftig, als wolle er sich sofort in sie verströmen, sich in ihr verlieren, aber nein nicht, nicht jetzt sofort... Er muss sich beherrschen, es ist wichtig, denn er fühlt instinktiv, dass es noch nicht die Zeit dafür ist. Langsam versenkt er sein Gesicht in ihrem Haar, berührt es dann mit den Lippen. Es fühlt sich etwas anders als sonst, oder bildet er sich das nur ein? Wahrscheinlich.
Sie fängt an zu stöhnen und murmelt mit leiser Stimme: „Ich liebe dich so sehr...“, während sie sich an sein Glied drängt. Er ächzt auf vor Begehren und zieht sie noch enger an sich heran, berührt ihre Brüste, reibt sich wollüstig hilflos an ihrem Körper…
Aber dann stutzt er etwas. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist anders als sonst. Der Geruch, er ist nicht richtig, die Haut ist auch nicht richtig, und vor allem die Stimme... Verdammt noch mal, er ist schon so nahe daran, über die Klippe zu springen, ist bereit, sich bedingungslos hinzugeben, sich in sie fallen zu lassen, aber etwas hält ihn davor zurück, obwohl er fast platzt vor Verlangen. Es ist bestimmt nur Einbildung, aber er muss Gewissheit haben.
Mit letzter Kraft schiebt er sie von sich weg. Sie knurrt leicht erbost, und er kommt sich sagenhaft blöd vor, weil er nicht über sie herfällt, nicht in sie eindringt, nicht ihren Bund erneuert. Aber es wäre zu einfach, es wäre nicht richtig.
Stattdessen langt er mit dem Arm über sie. Er knipst die kleine Lampe an, die neben dem Bett steht und wendet sich dann langsam Irma zu. Denn er muss sie unbedingt sehen, und er muss unbedingt mit ihr reden, muss ihr sagen, was er für sie und das Kind empfindet. Muss sie um Verzeihung bitten.
~~~~~~~~~~~
Irma zögert ein Weilchen, bevor sie zaghaft den Schlüssel in das Türschloss steckt.
Es ist seltsam, heimlich hier einzudringen. Quatsch, natürlich dringt sie nicht heimlich hier ein, denn sie ist hier zuhause.
Also tut sie es, aber vorsichtig und vor allem leise.
Es ist nicht ganz dunkel in der Wohnung. Aber das ist normal, manchmal, wenn er noch wach ist, brennt eine kleine Lampe im Schlafzimmer. Ob er schon im Bett liegt? Wenn ja, wird sie sich einfach zu ihm legen, ganz still... Ob er sich wohl freuen wird?
Sie hofft es, sie hofft es von ganzem Herzen. Es hängt soviel davon ab. Aber vor allem will sie, dass es ihm gut geht, egal wie er sich entscheiden wird. Oder schon entschieden hat… Und erst jetzt erkennt sie, wie sehr sie sich nach ihm gesehnt hat, aber es ist ja bald soweit...
Schlafwandlerisch durchquert sie den großen dunklen Wohnraum und findet den Weg in das Schlafzimmer, die Tür ist offen wie immer und sie sieht, dass dort eine Lampe brennt. Also ist er noch wach. Schade, es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schon geschlafen hätte. Doch eigentlich es ist egal, sie wird einfach hineingehen.
Aber dann bleibt sie wie angewurzelt auf der Türschwelle stehen. Der Anblick ist entsetzlich, und sie weiß nicht, ob sie ihn verkraften kann.
Sie sieht Chris, er liegt im Bett und beugt sich gerade über eine Frau, über DIESE Frau, die mit dem Sohn, und er schaut sie an. Mit einem seltsamen Gesichtsausdruck schaut er sie an, und Irma glaubt zu erkennen, dass es sich um Begehren handelt. Die Frau ist schön und blond, man sieht ihren Körper, denn sie hat die Bettdecke beiseite gestreift. Und Chris beugt sich wohl über sie, um ihre Schönheit zu bewundern.
Das ist zuviel! Irmas Mund entweicht, ohne dass sie es steuern kann ein klagender Laut, und die beiden Akteure, klar sind es Akteure, passiv sind die bestimmt nicht gewesen, schauen sie überrascht an. In Chris’ Blick steht Entsetzen. Oder auch nicht. Wahrscheinlich ist es nur Ärger darüber, dass sie sich hierhin traut und ihn beim Liebesspiel stört. Aber in den Augen der Frau steht einwandfrei etwas Triumphierendes, sie lächelt hämisch, und Irma schaut sie mit verletzten Augen an, aber nur kurz. Dann verwandelt sich ihr Blick und sie schaut auf Chris, der gerade aus dem Bett springt – nach seiner Hose greift und versucht, sie hastig anzuziehen. Dabei lässt er ihren Blick nicht los. Er wagt es tatsächlich, ihr in die Augen zu schauen!
Tatsächlich ist es passiert: Das, wovor sie von Anfang an schon Angst hatte. Er mit einer anderen Frau. Wie es scheint, ist es wohl das normalste auf der Welt.
Sie muss ihn anstarren, es geht nicht anders, sie hasst ihn, sie hasst die Frau neben ihm, und sie denkt in diesem Augenblick: Wenn Blicke töten könnten, dann wäre er jetzt tot. Das gleiche scheint er auch zu fühlen, denn er beißt sich auf die Lippen und verheddert sich beim Anziehen der Hose.
„Ich wollte dir nur die Schlüssel geben“, sagt etwas in den Raum hinein. Es hört sich komisch an. Ist es ihre eigene Stimme? Anscheinend. Jetzt sich nur keine Blöße geben, ist doch alles im Normbereich, was hat sie sich nur vorgestellt, Chris ist Chris, Chris hat Frauen, und sie ist ein Nichts, aber das Nichts wird sich nichts anmerken lassen. Soll er doch mit anderen Frauen rummachen. Viel Vergnügen!
Irma geht gemessenen Schrittes aus dem Schlafzimmer, während alles in ihr tobt und ihre Nerven fast zerreißen.
Hinter ihr ertönt ein Geräusch. Es hört sich an, als hätte Chris einen Stuhl umgeworfen und würde ihr jetzt hastig folgen. Er ruft irgendetwas, aber sie will es nicht verstehen. Wozu auch? Was will er noch von ihr? Ist doch sowieso alles nur gelogen! Er soll sie in Ruhe lassen! Sie dreht sich nicht um, sondern geht automatisch schneller durch den Raum, aber der nimmt einfach kein Ende.
In einer plötzlichen Anwandlung von Wut wirft sie die Schlüssel an die Wand. Das Geräusch, das sie beim Herunterfallen auf den Parkettboden machen, hallt verstärkt in ihren Ohren. Hoffentlich haben sie einen dicken Kratzer gemacht. Wo ist das Ende des Raumes, es kommt ihr vor, als versuche sie, im Wasser eines Schwimmbeckens vorwärts zu kommen, es geht unendlich langsam voran. Die Zeit scheint still zu stehen, und sie denkt an ihre erste Begegnung mit Chris, damals in der kleinen Disco, an diese Vertrautheit, dieses nicht nur körperliche Gefühl... Hätte sie sich doch nie mit ihm eingelassen! Endlich erreicht sie die Wohnungstür und zieht sie laut und entschlossen hinter sich zu.
Die Zeit läuft wieder normal, und im Treppenhaus beschleunigt sie ihre Schritte und poltert die Treppe hinunter, als ob sie den Teufel im Nacken hätte. Klar, der ist ja auch hinter ihr her! Sie hört wie Chris ruft, er ruft irgendwas wie warte Irma es ist doch alles nicht wahr, aber das was sie da hört, ist bestimmt auch nicht wahr. Und wenn’s wahr ist, dann ist es gelogen. Sie hat genug.
Zitternd hantiert sie mit dem Autoschlüssel herum, bis sie ihn schließlich durch Zufall ins Schloss bekommt. Sie startet den Karman und setzt ohne zu schauen zurück auf die Straße, just in diesem Augenblick öffnet sich die Haustür, und Chris erscheint, er ist immer noch halbnackt, nur mit seiner Hose bekleidet, und sie hört seine Stimme... „Irma bitte bleib’ doch hier, es ist alles ein Missverstän...“
Der Rest des Satzes verweht irgendwo im Wind, oh Gott, vom Winde verweht, Scarlett und Rhett Butler, es gibt keine Parallelen, sie hat sich alles nur eingebildet, sie will ihn auch gar nicht hören, ist doch sowieso alles gelogen. Sie gibt schnell Gas, sie schaut nicht zurück, sie will irgendwohin, wo er sie nicht erreichen kann, denn es ist aus.
Es fängt an zu regnen, und sie schaltet die Scheibenwischer ein.
Es ist aus, surren sie monoton hin und her. Es ist aus...
Sie fährt, als wäre der Teufel hinter ihr her, sie fährt bei Tiefgelb über die Ampeln, dem Himmel sei Dank passiert nichts, sie will so schnell wie möglich nach Hause und sich in ihrem Bett verkriechen.
Aber als sie dort ankommt, geht es ihr kein bisschen besser, und sie erkennt schlagartig: Es ist nicht mehr ihr zuhause, sie fühlt sich nicht mehr wohl dort, zu viele Gespenster bevölkern die Wohnung. Elende Gespenster, die von Liebe sprachen und die sie dann verraten haben. Nein, sie muss weg von hier, aber wohin? Jessi weiß noch gar nichts, sie hat keine Ahnung von der Schwangerschaft und natürlich auch nicht von Chris’ Reaktion darauf. Anna und Markus kommen überhaupt nicht in Frage, die haben schon das Scheitern ihrer Beziehung mit Exfreund Oliver erlebt, und sie sind so ein glückliches Pärchen, sie würden ihr Problem gar nicht verstehen, sondern bestimmt drüber faseln, dass alles gut wird oder so... Und Ralf ist so lieb, er ist viel zu lieb. Er würde ihr wieder Mut machen wollen, würde von einer gemeinsamen Zukunft reden – und das, nein nicht das, es wäre im Moment unerträglich.
Also gibt es nur eines. Irma packt hastig ein paar Sachen zusammen und verlässt dann fluchtartig die Wohnung.
~~~~~~~~~~~
DAS MONSTER
Irma saß wie gelähmt im Wohnzimmer und starrte aus dem großen Fenster hinaus nach draußen. Dem Himmel sei Dank war ihr Vater nicht da, er machte gerade eine Kur, und sie musste ihm nicht erklären, warum sie hier war. Aber irgendwann später dann wohl doch... Was würde er dazu sagen?
Der Anblick der Landschaft war ihr vertraut, schließlich war sie hier aufgewachsen. Sie liebte das Haus und den riesigen Garten, doch sie empfand nicht mehr das gleiche wie früher, etwas war in ihr kaputtgegangen, nein Quatsch, so leicht war sie nicht kaputt zu kriegen, da mussten schon schlimmere Dinge passieren. Ein untreuer Mann hatte doch gar nichts zu bedeuten, die gab es doch wie Sand am Meer, und diesen einen, diesen besonderen würde sie so schnell wie möglich vergessen, der war es doch gar nicht wert, dass sie sich deswegen grämte. Dennoch, Mist, Mist, Mist, sie verbarg das Gesicht in ihren Händen.
„Was ist denn los, mein Schatz?“ Ihre Mutter war hereingekommen und umarmte sie.
„Ach nichts! Ich glaube, ich habe Kopfschmerzen...“ Irma nahm schnell die Hände von ihrem Gesicht und gab sich den Anschein, als wäre alles normal. Und wieso hing sie eigentlich hier herum? Es gab doch bestimmt irgendetwas zu tun, vielleicht im Garten? Es war noch nicht richtig kalt, jedenfalls fror es nicht. Klar doch, kurz vor Weihnachten fror es nie, und da schneite es auch nie.
Weihnachten... Als sie mit Chris hier war, da hatte sie darüber nachgedacht, wie sie wohl Weihnachten verbringen würden. Wieder stöhnte sie auf.
Martina schaute sie forschend an, sie verstand sehr wohl, was in Irma vorging, ließ es sich aber nicht anmerken. Denn Irma hätte sofort alles abgestritten, was irgendwelche miesen Gefühle betraf. Sie war ja so stark, das behauptete sie immer wieder, und sie würde damit fertig werden. Martina hatte natürlich vor, ihre Tochter zu unterstützen und ihr in jeder Weise zu helfen. Sie fühlte eine ziemliche Wut auf den Kerl, der Irma erst geschwängert, dann sitzen gelassen – und schließlich auch noch betrogen hatte. Seltsam, ihr Gefühl hatte sie getäuscht. Sie hatte ihn am Anfang sehr gemocht, diesen Mann, sie ahnte unter seinem arroganten Wesen die Tiefe seiner Gefühle, und diese Gefühle waren bedingungslos auf Irma gerichtet. Konnte sie sich so getäuscht haben? Sie schüttelte ratlos den Kopf. Was war wirklich wahr – und vor allem, was sollte sie tun, um Irma von ihrem Kummer abzulenken?
„Wie wäre es, wenn wir einen Kuchen backen?“ Ihre Mutter gab einfach nicht auf. Sie sah besorgt aus, klar doch, eine schwangere Tochter ohne Mann, das brachte viel Kummer, und dennoch unterstützte sie Irma, hatte ihr angeboten, wieder hier einzuziehen – wenigstens für ein Jahr – und das Kind gemeinsam groß zu ziehen. Ein schönes Angebot, sie sollte es annehmen. Das Kind war nun das Wichtigste in ihrem Leben, und es musste die besten Bedingungen haben. In der Großstadt wäre sie alleine, in ihrem Bekanntenkreis gab es kaum Babys, das war hier im Dorf anders.... Ja, sie dachte darüber nach, und der Gedanke gefiel ihr. Und vor allem wäre sie dann weit weit weg von Chris und könnte ihm nicht zufällig über den Weg laufen, wenn er mit dieser Frau unterwegs war und mit ihrem Sohn. Oh Gott, sie rannte weg! Wollte sich vor ihm verstecken. Soweit war es gekommen!
Chris! Es tat weh, es tat so weh... Doch sie wollte nicht mehr an ihn denken, sie musste sich ablenken, musste sich beschäftigen. „Nein, ich mag keinen Kuchen backen. Aber vielleicht ist ja was im Garten zu tun. Dieser eklige alte Efeu, der sieht ja grauenhaft aus! Vielleicht könnte ich ihn ein wenig ausmisten...“
Martina dachte nach, es war zwar eine ungewöhnliche Zeit, um im Garten zu arbeiten, aber die Idee gefiel ihr, und es würde Irma ablenken. „Hmmm“, sagte sie nachdenklich. „Du hast Recht! Dieser Efeu untergräbt den ganzen Garten, und er sieht einfach scheußlich aus, unten hat er nur noch dicke Wurzeln, und oben wächst nicht mehr viel. Na gut, wenn du willst...“
Aber Irma hörte sie gar nicht mehr, denn sie war schon aufgesprungen. Sie griff sich eine warme Jacke und eilte nach draußen. In der Garage fand sie eine große Auswahl an Werkzeugen. Sie schnappte sich eine dicke Astschere, eine kleinere Zweigschere, einen Spaten, eine Harke – und nach kurzer Überlegung sogar eine Axt. So, sie war gerüstet!
Sie beäugte den ekelhaften Efeu. Er wuchs auf einer erhöhten steinigen Stelle zwischen der Gartenlaube und einem verwilderten Beet. Er sah wirklich widerlich aus, er klammerte sich eng um ein junges Bäumchen und erwürgte es fast mit seinen dicken haarigen Trieben, aus denen nur noch schwächliche krumme Zweiglein wuchsen. Er sah aus wie ein Monster, das sich diese Ecke des Gartens unterworfen hatte, und Irma hasste das Monster.
Ich hasse dich, ich hasse ich, dachte sie. Du kannst mir nichts antun, ich werde schon fertig mit dir!
Mit aller Wut, die in ihr war, rückte sie dem Monster zu Leibe. Mit einer Zweigschere fuhr sie rücksichtslos in das Gestrüpp hinein und zwackte es entzwei, bis sie Blasen an den Handflächen hatte. Mit der Astschere zerkleinerte sie die dicken Triebe, mit einem Spaten lockerte sie die Wurzeln, die sich tief im Boden festgekrallten und sich hartnäckig dagegen wehrten, hinausgezogen zu werden. Mit der Axt hackte sie auf besonders widerspenstigen Wurzeln herum. Ihre Mutter hatte Recht, er untergrub den ganzen Garten und breitete sich unterirdisch aus. Aber mit ihr konnte er das nicht machen! Irma stieß mit dem Spaten auf ihn ein, brach ihn mit der Astschere in Stücke, sie rang mit ihm und zog auch dicke Triebe aus dem Erdreich, sie wütete förmlich im Efeu, und allmählich türmte sich hinter ihr ein ekelhaft aussehender Haufen aus monströsen Wurzeln und haarigen Stängeln auf.
Irma schaute befriedigt darauf herab. Ihre Handflächen waren zwar mit Blasen bedeckt, der Rücken brach ihr fast entzwei, und sie war ziemlich außer Atem, aber sie hatte es geschafft: Das Monster war besiegt. Jetzt musste das eklige Zeug nur noch in den Komposter geschafft werden.
Sie griff sich triumphierend ein Bündel voll Efeu und sprang von den Steinen in den Garten hinunter.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Erde immer noch schmierignass vom letzten Regenguss war. Irma rutschte mit dem rechten Fuß weg, der linke hing in der Luft, und sie stürzte.
Sie stürzte entsetzlich langsam, so kam es ihr jedenfalls vor, und sie schaffte es noch, sich irgendwie zur Seite zu drehen, weil sie nicht mit dem Steißbein aufkommen wollte. Sie streckte beide Arme aus, um den Sturz mit den Händen aufzufangen. Das klappte.
Aber nicht genug – sie knallte mit der linken Hüfte hart auf den Boden, und es tat so weh, dass sie keine Luft mehr bekam, so musste ein Fisch sich auf dem Trockenen fühlen, ging es ihr durch den Kopf, während sie mühevoll nach Luft schnappte, es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, sie hatte Angst zu ersticken - bis sie dann endlich wieder normal atmen konnte.
Dann lag sie da, geschockt und verwirrt, wie konnte das passieren. Sie ächzte auf und versuchte langsam, sich zu erheben. Sie spürte, dass auch ihre rechte Hand furchtbar weh tat, aber sie musste doch aufstehen. Sie nahm die Ellenbogen zu Hilfe und stützte sich auf sie, sie sah bestimmt aus wie ein Maikäfer, der versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.
Als sie es gerade geschafft hatte, sich mit der unverletzten Hand aufzustützen, durchfuhr sie plötzlich ein ziehender Schmerz. Sie krümmte sich stöhnend zusammen und ließ sich vorsichtig wieder zurückfallen. Irgendetwas stimmte da nicht. Oh Gott, hoffentlich nicht das! Irma wollte nach ihrer Mutter rufen, aber ihre Stimme war ihr abhanden gekommen, sie bekam nur ein heiseres Krächzen heraus, das bestimmt niemand hören konnte.
Sie lag ganz still da, und nach einer scheinbar endlosen Weile verblasste der Schmerz etwas, aber sie hatte Angst, furchtbare Angst. Denn das Monster war immer noch da, sie hatte es gar nicht besiegt. Sie selber war das Monster.
Martina fand sie ein paar Minuten später, sie wusste gar nicht, warum sie nach ihrer Tochter schauen wollte, es war so ein unbestimmtes Gefühl, sie machte sich Sorgen um sie.
Irma lag bewegungslos auf dem Rücken und starrte nach oben. Ihr Gesicht sah verängstigt und schmerzverzogen aus, und Martina, die ihre Besorgnis nicht zeigen wollte und sich mühsam die Tränen verkniff, rief einen Krankenwagen an.
~~~~~~~~~~~
Chris trat nervös von einem Bein aufs andere. Er hoffte, sie hier zu finden, es war die letzte Möglichkeit. Er hatte sie überall gesucht, zuerst in ihrer Wohnung, dann bei Jessi, bei Anna und Markus und zuallerletzt bei Ralf, wo er sie am ehesten vermutete – aber auch dort war sie nicht. Bis ihm schließlich einfiel, sie könnte bei ihren Eltern sein, wie hieß das Kaff noch? Er musste Ralf anrufen und ihn danach fragen, und der sagte es ihm schließlich widerwillig. Ralf hasste ihn vermutlich, und er verstand das gut. Er war hassenswert, er war verrückt, doch er liebte Irma, und er würde sie nicht so ohne weiteres gehen lassen. Er versuchte, bei Irmas Eltern anzurufen. Und als auch nach Stunden niemand ans Telefon gegangen war, entschloss er sich, einfach hinzufahren.
Endlich machte jemand auf, und Irmas Mutter starrte ihn an. Ihr Blick war abweisend und vorwurfsvoll, und sie bat ihn nicht ins Haus hinein. Aber er musste mit ihr reden, sie davon überzeugen, dass er nicht so schlimm war, wie sie vielleicht dachte.
„Ich liebe sie“, sagte er. „Und ich will das Kind, das weiß ich jetzt. Ich war vollkommen durcheinander, hatte die Wahnvorstellung, das Kind würde sie töten. Aber jetzt bin ich einigermaßen klar im Kopf, und ich hoffe, dass sie mir verzeiht.“
Martina fühlte sich gerührt. Sie hatte sich nicht in ihm getäuscht. Doch da war noch das andere...
„Und die andere Frau?“, fragte sie ihn unverblümt.
Chris lachte bitter auf. „Sie hat mich fast hereingelegt. Sie besaß einen Schlüssel zu meiner Wohnung, ich weiß immer noch nicht, wie sie an ihn gekommen ist. Es hört sich bestimmt blöd an, aber es ist wahr. Es ist nichts passiert, ich habe es im letzten Moment gemerkt.“ Er starrte vor sich hin. „Natürlich muss es so ausgesehen haben, als ob ich... Aber das kann sie doch nicht glauben!“
„Sie will dich nicht mehr sehen. Sie will hier bleiben, sie könnte dich in der Stadt treffen, davor hat sie Angst. Sie könnte dich mit dieser Frau treffen und mit ihrem Sohn.“ Martina wunderte sich nicht darüber, dass sie ihn einfach duzte.
„Das ist doch Quatsch! Ich habe ihr verboten, jemals wieder auf Sichtweite an mich heranzukommen. Und falls doch...“
Martina konnte in seinen Augen die versteckte Drohung erkennen, und sie fühlte sich erleichtert. Er war absolut in Irma verliebt, und sie glaubte das, was er sagte. Aber ob Irma ihm auch glauben würde? Sie hoffte es so sehr.
„Aber jetzt will ich wissen, wie es ihr geht? Es geht ihr doch gut. Und dem Kind geht es auch gut? Sag’ es mir bitte!“ Chris’ Stimme zitterte. „Und wo ist sie? Ich möchte sie sehen...“
Martina erzählte ihm, was passiert war und auch wo Irma sich gerade befand. „Sie ist ziemlich durcheinander. Sie macht sich selber Vorwürfe, und sie hasst den Gedanken an dich. Aber du musst es natürlich versuchen...“
„Wenn ich Glück habe, werden wir beide bald richtig miteinander verwandt sein“, er lächelte, doch sein Lächeln wirkte schmerzlich. „Aber ich muss schon verdammt viel Glück haben...“
~~~~~~~~~~~
DAS WEITE FELD...
Innerhalb von zwei Tagen ist es kalt geworden, teilweise liegt sogar Schnee auf den Feldern, und Irma friert ein bisschen. Sie steht auf dem gleichen Acker, auf dem sie schon als Kind spazieren gegangen ist. Langsam dreht sie sich um. Irgendetwas in ihr hat gewusst, dass er kommen wird. Sie hat es gefürchtet aber auch herbeigesehnt.
Er kommt zögernd näher, und sie hält es fast nicht aus, ihn zu sehen, obwohl es doch aus ist, all ihre Ängste haben sich bestätigt, er ist untreu, genauso wie sie es von Anfang an befürchtet hat. Sie beißt sich auf die Lippen und sieht zu Boden.
„Irma“, sagt er leise und schaut sie verzweifelt an.
Sie tritt etwas zurück, sie hat Angst vor seiner Berührung. Sie stehen sich gegenüber, und da ist... sein Gesicht, und sie fühlt immer noch das Verlangen, es zu streicheln. Warum nur?
Langsam geht sie weiter, er soll nicht merken, dass ihr rechter Fuß verstaucht ist, auch so ein Ergebnis ihrer Blödheit...
„Hier bin ich als Kind immer hergegangen, es war schön, so einsam und so still...“ Eigentlich spricht sie es einfach nur vor sich hin, während sie Chris neben sich spürt.
„Und dann habe ich mir immer vorgestellt, mein Geliebter würde neben mir gehen“, sie lächelt, aber ihr Lächeln wirkt trostlos. „Der, den ich mal haben würde vielleicht…“
„Ach Irma…“ Chris sieht sie hilflos an.
„Was sind das für Vögel da hinten? Raben vielleicht?“ Irma deutet auf ein paar schwarze Flecken am trüben Horizont.
Chris muss seine Augen nicht besonders anstrengen. „Es sind wahrscheinlich Saatkrähen“, sagt er. „Normalerweise leben die jetzt in der Stadt, da ist es einfacher...“
„Stimmt, du bist ja Biologe und hast vom Leben unheimlich viel Ahnung.“ Irma schaut unbewegt auf das endlose Feld mit den schneebedeckten Ackerfurchen.
„Irma, bitte verzeih’ mir!“ Chris’ Gesicht sieht blass aus.
„Was denn? Es ist doch alles zu spät“, murmelt sie.
„Nichts ist zu spät!“
„Doch“, Irma schüttelt den Kopf. „Ich hätte es fast verloren.“
„Irma, Liebes!“ Chris macht einen Schritt auf sie zu, aber sie weicht vor ihm zurück.
„Das hätte dir doch gefallen, oder?“
„Nein, Liebes, das wollte ich zu keiner Zeit!“
„Aber du hast es gesagt!“, Irma beharrt auf ihrer Meinung.
„Ja verdammt! Es stimmt, ich habe es gesagt, aber nur weil ich Angst um dich hatte. Es kam spontan aus mir heraus, und jetzt weiß ich auch wieso. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung.“
Irma blickt an ihm vorbei.
Und allmählich fängt er an, ihre Teilnahmslosigkeit zu fürchten. Es kann doch nicht aus sein, nein, das geht nicht. Er wird sie nicht loslassen, wird ihr beweisen, wie wichtig sie ihm ist. Und das Kind natürlich auch. Aber was kann er tun, um sie aus dieser Lethargie zu reißen?
„Ich habe dich nicht betrogen“, sagt er schließlich.
Sie zuckt zusammen, und einen Augenblick lang blitzt es in ihren Augen auf, dann hat sie sich wieder unter Kontrolle und geht schweigend weiter.
Chris atmet tief aus. Sie empfindet vielleicht noch etwas für ihn, sie ist eifersüchtig. Und was muss sie gelitten haben. Er stellt sich vor, wenn sie und Ralf... Er würde den Kerl umbringen – und Irma vermutlich verzeihen.
„Sie hat mich irgendwie reingelegt“, beginnt er zögernd zu erklären.
„Wen interessiert das schon...“, Irmas Stimme klingt eisig.
Doch Chris lässt sich nicht davon irritieren. „Sie hat sich zu mir gelegt, und ich habe tatsächlich gedacht, du wärst es. Dachte du wärst zurückgekommen. Ich hatte solche Sehnsucht nach dir, dass ich mich zuerst habe täuschen lassen.“
„Ja sicher…“ Irma wirft ihm einen wütenden Blick zu.
„Aber dann war da ihr Geruch, er kam mir seltsam vor. Und ich fand es auch nicht richtig, dass wir sofort...“ Chris verstummt und schüttelt ratlos den Kopf, während Irma ihn ausdruckslos anstarrt.
„Ist doch egal“, sagt sie schließlich.
„Nein, das ist es nicht! Ich wollte mit dir reden! Ich habe das Licht angemacht, um dein Gesicht zu sehen. Bitte Irma, glaub’ mir!“
„Ich glaube meinen Augen, die lügen mich nicht an!“
„Hast du mir eigentlich jemals vertraut?“
Wieder blickt sie ihn aufgebracht an. „Vermutlich nicht“, gibt sie nach einer Weile zu. „Und ich hatte Recht damit.“
„Verdammt! Es hat sich nichts geändert. Du hast von Anfang an nur Schlechtes von mir geglaubt!“
„Und ich hatte Recht damit!“, wiederholt Irma trotzig, doch im Grunde ihres Herzens wünscht sie sich, er würde ihr widersprechen.
Aber er schweigt – wie sie vorhin geschwiegen hat. Irgendwie hat sie mehr erwartet, irgendwas mit einem Kniefall oder so. Und natürlich hätte sie ihn ausgelacht. Hau’ bloß ab und lass’ dich nie wieder hier blicken, hätte sie zu ihm gesagt, genau wie in der Nacht, als sie ihn kennen lernte... Oh nein, jetzt sind die Erinnerungen wieder da. Es fing so gut an – und endete im Chaos. Typisch!
„Dabei könnten wir es doch so gut haben, und wir haben doch den Garten, mit ein bisschen Mühe müsste man ihn doch hinkriegen können. Für unser Kind…“
Irma fühlt, wie sie rot wird. Für unser Kind... Das hört sich seltsam an und ungewohnt, aber hat sie sich das nicht immer gewünscht?
„Aber du musst mir schon vertrauen, mir glauben, dass da nichts war, sonst hat das alles keinen Sinn.“
„Ich weiß nicht“, sagt Irma zaghaft und unsicher. Was zum Teufel ist los mit ihr? Wird sie wieder schwach in seiner Gegenwart? Das will sie nicht. Noch mal enttäuscht werden, das könnte sie nicht ertragen. Sie muss an die letzten Tage denken, an ihren Groll, an ihre Verzweiflung.
„Ich habe jetzt auch einen Traum...“, sie beginnt zögernd zu sprechen, während sie nebeneinander den hart gefrorenen Feldweg entlanggehen und sich ihr Atem in kleinen Wölkchen entlädt. „Ich träume davon, wie er in den Kindergarten kommt. Er ist hübsch, aber nicht zu hübsch. Er benimmt sich schon wie ein richtiger kleiner Mann, und er hat viel Ähnlichkeit mit dir. Und dann fragt er mich, wer sein Papa ist.“ Irma bleibt stehen, sie hält sich die Hände vors Gesicht und stöhnt auf, während Chris sie bestürzt ansieht.
„Und ich kann ihm nichts sagen... Was soll ich ihm sagen. Dass sein Vater ihn nicht wollte? Dass ich ihn selber nicht wollte? Warum träume ich das? Das ist ja, als ob er tot wäre. Als hätte ich ihn getötet... Das habe ich zwar nicht, aber ich war so nahe daran. Oh Gott, ich hatte Angst, ein Kind zu kriegen, schon bevor du... Und ich hätte mir nichts draus machen sollen, dass du fremdgegangen bist, aber nein, ich war ja wie erschlagen davon. Ich hätte nicht im Garten arbeiten sollen. Ich hätte diesen Drecksefeu nicht anfassen sollen. Ich hätte mehr aufpassen müssen!“ Irma fängt an zu weinen, seltsam, endlich kann sie weinen, bisher waren ihre Augen wie ausgetrocknet, der Schmerz saß dahinter, die Tränen wollten nicht fließen, aber jetzt auf einmal kommen sie. Und es ist so erleichternd, als ob ein Splitter im Auge fortgespült wird. Sie hat das Kind nicht verloren, mittlerweile gibt es Medikamente und Methoden, um das zu verhindern, sie hat es nicht verloren, sie hat Glück gehabt.
Chris sieht sie erschüttert an, und dann auf einmal kann er nicht anders, er zieht sie an sich, es ist ihm egal ob sie es will oder nicht, denn er braucht sie jetzt. Und vielleicht braucht sie ihn auch.
„Ach Irma, und ich habe dich im Stich gelassen... Ich schwöre dir, das wird nie wieder passieren. Du darfst dir keine Vorwürfe machen, schieb’ die Schuld auf mich, aber bitte komm’ mit mir! Ich habe immer noch große Angst um dich, und von nun an werde auf dich aufpassen. Immer...“ Seine Stimme hört sich seltsam gebrochen an.
Irma blickt zu ihm hoch, und sie sieht, dass seine Augen feucht sind. Oh nein, das will sie nicht. Chris ist doch so stolz, er soll nicht vor ihr weinen. „Nicht, nicht, Chris!“ Sie streichelt hilflos seine Wange, und sie spürt, dass ihre Gefühle für ihn immer noch da sind. Sie waren wohl nie wirklich weg, nur verschüttet unter ihrer Verzweiflung, nur gedämpft durch ihre Wut wegen seiner Untreue. Sie fühlt seine vertraute Nähe, die so beruhigend aber auch so aufwühlend ist, und ihr kommt zu Bewusstsein, dass sie immer, wenn sie von Wut bewegt wurde, in Gefahr stand, furchtbare Fehler zu machen. Der Abend mit Felipe... Oder als sie fast zu ihrem Ex gegangen war... Die Nacht mit Harald, oh Gott... Aber ihr Körper – oder ein ungewisses Gefühl – hat sie immer davor bewahrt, und das war gut so. Wem soll sie also jetzt glauben, ihrer Wut oder ihrem Gefühl für ihn. Und wenn sie sich täuscht? Was ist, wenn alles wieder von vorne anfängt?
„Du wirst mich nicht los, Irma“, unterbricht Chris ihre Gedanken. „Ich werde so lange hier bleiben, bis du mit mir kommst. Bis du mir glaubst. Denn ich kann so nicht leben.“
Irma fühlt ihre Beine schwach werden. Da hat er sie wieder, er hat es geschafft, Liebe sollte verlangen können, Liebe sollte Bedingungen stellen, Liebe sollte erobern, und Liebe sollte sich nicht mit Brosamen zufrieden geben.
Aber so einfach kann er sie nicht kriegen, sie wird jetzt ihren letzten Rest Würde zusammenkratzen. „Pa!“, sagt sie verächtlich. „Wenn ich zurückkomme, dann nur, weil ich das beste für mein Kind will. Es soll einen Vater haben. Alles andere ist mir egal!“
„Sag’ nicht so etwas, Irma“. Chris schaut sie eindringlich an, und irgendwie duckt sie sich unter seinem Blick. „Ich möchte, dass es so wird wie früher. Und ich will, dass du mir vertraust!“
Er WILL, dass sie ihm vertraut? „Ich denke überhaupt nicht dran!“ Vor einer Stunde hat sie noch an ein Leben ohne ihn gedacht, und jetzt soll sie ihm schon wieder vertrauen? „Warum sollte ich dir vertrauen? Und außerdem ist das MEIN Kind! Wenn du eins haben willst, dann geh’ doch zu diesem Flittchen und adoptier’ den Sohn!“
„Erzähl’ doch nicht so einen Mist, Irma! Die Frau hat mir nie viel bedeutet, und jetzt verabscheue ich sie!“
„Ha, und was hast du mit ihr gemacht, als ich weg war?“
„Ich hab’ sie rausgeschmissen. Sie wird uns nie wieder belästigen.“ Chris lächelt grimmig. „Sie wird woanders hinziehen, und ihr Sohn wird dadurch näher bei seinem Vater sein.“
Irma starrt ihn zweifelnd an. Sagt er die Wahrheit, soll sie ihm glauben? Sie weiß es nicht.
„Seit ich dich kenne, Irma“, seine Stimme klingt überzeugend, „habe ich mit keiner anderen Frau geschlafen. Ich konnte es einfach nicht, und das war lange bevor ich wusste, dass ich dich liebe. Lange bevor ich dich auf der Party wiedergetroffen habe. Und dann soll ich ausgerechnet in dieser beschissenen Situation damit anfangen?“
„Keine Ahnung...“, stammelt Irma kleinlaut.
„Weißt du noch, wie es früher war?“ Chris lächelt. „Wir waren immer nur eine Nacht in der Woche zusammen, doch nicht wirklich. Und die restliche Zeit war für mich total vergeudet, denn ich hab’ immer an dich denken müssen...“
„Ich hab’ überhaupt nicht an dich gedacht!“ Das war nicht einmal gelogen, sie hatte nie bewusst an ihn gedacht, doch er war immer da gewesen in ihrem Kopf, in ihrem Körper, der Bastard – und hatte sie erfüllt mit Verlangen, Verzweiflung und Lust...
„Außerdem bist du ja auch nicht die reine Unschuld!“
Was sagt er da? Das ist wirklich eine Unverschämtheit! Sie ist ihm schließlich immer treu gewesen, okay, hart an der Grenze...
„Na Ralf, dein guter Freund!“ Chris schaut sie ärgerlich an. „Der war doch bestimmt froh über die ganze Sache. Was hat er getan? Dich gebeten, ihn zu heiraten?“
Der kommt vielleicht auf Ideen! Obwohl es ja ein bisschen stimmt... „Jetzt lenkst du aber ab! Ralf hat mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun. Und außerdem kann man das gar nicht vergleichen!“
Chris schweigt, und seine Augen sehen ärgerlich aus, Irma kennt diesen Blick und tritt einen Schritt von ihm zurück.
„Nein, das kann man nicht“, sagt er schließlich wütend, „denn er kennt dich ja so gut, ihr habt ja soviel miteinander erlebt. Ich fühle mich immer wie ein Idiot, wenn du dich mit ihm unterhältst!“ Er schnaubt verächtlich vor sich hin, und Irma sieht ihn entgeistert an. Er ist auf Ralf eifersüchtig?
„Wenn du ihn willst, dann nimm ihn doch!“ Chris bleibt ruckartig stehen. „Er wird bestimmt ein besserer Ehemann sein als ich. Ich bin ja schlecht!“
„Du willst heiraten! Na dann herzlichen Glückwunsch! Betrügst du deine Zukünftige auch schon vor der Ehe?“ Es rutscht einfach so aus ihr heraus, und im gleichen Augenblick verwünscht sie ihre freche Zunge, könnte sich glatt ohrfeigen.
Chris blickt sie an, und in seinen Augen steht alles geschrieben, was er für sie empfindet, sie sieht die Liebe in seinen Augen, sieht die Sorge, sieht seine Eifersucht, sieht alles, was er empfindet, und es haut sie um. Kann es wahr sein? er sieht so verwundbar aus, aber dann plötzlich verändert sich sein Blick und wird ausdruckslos.
Er schüttelt den Kopf, wendet sich von ihr ab, sieht starr auf den Boden... „Du hast nichts kapiert“, sagt er schließlich. Er dreht sich langsam wie in Zeitlupe um und geht einfach weg, während Irma ihm ungläubig nachsieht.
Der ist ja toll, erst verspricht er ihr das Blaue vom Himmel, von wegen: Ich werde so lange hier bleiben, bis du mit mir kommst... Und dann überlässt er sie einfach ihrem besten Freund? Der ist ja nicht ganz dicht!
Aber dieser Blick, oh Gott, was hat sie getan... Warum konnte sie nicht einfach die Klappe halten? Was soll sie tun? Ihm wieder hinterherlaufen wie nach der Wette? Das könnte ihm so passen. Aber wenn er wirklich geht? Irma befindet sich in einem furchtbaren Zwiespalt, ist hin und hergerissen, während Chris sich immer weiter von ihr entfernt. „Bleib’ doch, Chris“, will ihre Stimme rufen, aber ihre Stimme gehorcht ihr nicht, es kommt nur ein Krächzen heraus.
~~~~~~~~~~~
Martina war hinausgegangen, um nach den beiden zu schauen.
Sie standen sich gegenüber auf dem kahlen schneebedeckten Feld. Hoffentlich hatten sie sich versöhnt! Doch dann wandte Chris sich ab, er ließ Irma stehen und ging einfach weg.
Nein, nicht das! Martina zweifelte an ihrer Sehkraft. Das konnte nicht wahr sein! Warum ging Chris weg? Und warum stand Irma wie gelähmt da? „Tu doch was, halte ihn zurück!“
Irma erwachte aus ihrer Erstarrung, als ob sie Martinas Worte gehört hätte, sie machte ein paar zögernde Schritte, aber nach zwei Metern knickte sie ein. Es musste der verstauchte Fuß sein. Auch das noch! Martina fühlte sich versucht, selber auf das Feld zu laufen und die beiden zu zwingen, miteinander zu reden, diese verdammten Sturköpfe!
Aber es war nicht nötig, Chris blieb stehen, er schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Er drehte sich um, sah Irma auf dem Boden liegen und eilte zurück. Er beugte sich über sie, sie schlang die Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihn. Er hob sie vorsichtig hoch, sie standen engumschlungen da, schauten sich endlos an. Und dann küssten sie sich.
Oh Gott! Endlich! Martina atmete erleichtert aus. Er liebte sie nicht nur, nein, er wusste auch, wie er sie behandeln musste. Und das war gut so, denn der Ernst der Liebe fing für beide gerade erst an.
ENDE
© Ingrid Grote 2009
DANKE SCHÖN FÜRS LESEN!
Alle IRMA-CHRIS-Geschichten sind auf LONGSTORIES>>>
HOMEPAGE>>>
SHORTSTORIES>>>
FOTOSTORIES>>>

|