GONE WITH THE DEATH?

 

Teil 7

 

Es wurde allmählich ruhiger, und an irgendeinem Abend waren Spike und Lilah wirklich ganz alleine im Haus. Unglaublich.

Lilah saß vor mit hochgezogen Beinen auf dem Sofa und schaute ‚Reich und schön’, als Spike frisch geduscht und mit noch feuchten Haaren die Treppe herunterkam. Er trug ein weich fallendes rotes Hemd und sah umwerfend aus. Fand Lilah.

"Was guckt du?" fragte er und setzte sich zu ihr.

"Reich und schön", sagte Lilah etwas verlegen, denn alle Männer, die sie kannte, hatten sich immer auffällig schnell und offenkundig angewidert vom Fernseher entfernt, weil Reich-und-schön-gucken bei Männern als extrem unmännlich galt.

"Und wie steht's?" fragte Spike neugierig, "Ist Ridge immer noch mit Taylor verheiratet?"

"Ja, aber sie stirbt vielleicht", Lilah war mehr als erstaunt, weil er anscheinend wirklich interessiert war und keinerlei Häme in seinen Worten mitschwang.

"Na dann bekommt Brooke ja endlich Ridge", meinte Spike nachdenklich.

"Nein, der Witz bei der Sache ist, jetzt wo sie Ridge bekommen könnte – und sie hat schließlich fast Jahrzehnte darauf gewartet – jetzt will sie nicht mehr..."

"Wie das?" Spike schaute sie mehr als erstaunt an und sagte dann, wie Lilah zu hören meinte, verächtlich: "Ridge ist doch die Liebe ihres Lebens!"

"Sie liebt jetzt Thorne, weißt du, seinen Bruder, und sie sagt, dass sie sich verändert hat."

"Ach was!"

"Glaubst du nicht, dass eine so große Liebe eines Tages enden kann, weil man sich selber verändert hat?"

"Nein! Bei manchen Leuten nicht!" Spikes Tonfall war jetzt fast schon barsch zu nennen.

"Aber du selber hast doch auch Drusilla geliebt. Übrigens, wusstest du, dass ich deine Drusilla kennen gelernt habe und Darla auch. Kennen gelernt in einem wirklich üblen Sinne. Egal, was wollte ich sagen? Ja, und irgendwann hast du sie... eben nicht mehr geliebt?"

"Drusilla war wohl nicht meine ganz große Liebe." Spike wirkte ein wenig verlegen. "Und mit manchen Leuten meinte ich mich nicht selbst..."

"Und wie war es dann mit Buffy?" Lilah musste das fragen, weil sie einfach wissen wollte, wo er stand, was seine Gefühle waren. Und weil sie neugierig war.

"Das ist eine verdammt lange Geschichte."

"Willst du darüber reden? Oh bitte entschuldige, Spike. Dieser Spruch kommt in neunzig Prozent aller amerikanischen Fernsehserien vor. Irgendwo fragt immer irgendein Idiot einen anderen Idioten: Willst darüber reden?"

"Ja, oder irgendein fettes Kind mit schiefen Zähnen kreischt rum: Dad, dad, dad!!!" Spike imitierte mit überkippender Stimme erstklassig dieses hysterische amerikanische Kind.

"WILLST du darüber reden?"

"Ich habe Angst, dass du mich für total idiotisch hältst, wenn ich darüber rede", meinte Spike besorgt. "Andererseits wäre es vielleicht besser, es mal loszuwerden... Und vielleicht eine andere Meinung dazu zu hören."

"Du musst das nicht tun."

"Ach Quatsch, was soll’s", Spike stand auf, ging an die Bar und goss sich einen reichlichen Schluck Brandy in ein bauchiges Glas. "Willst du auch einen?" fragte er Lilah, "Vielleicht kannst du auch einen gebrauchen." Spike zündete sich eine Zigarette an, die ihm wohl helfen sollte, einen guten passenden Start zu finden. "Eigentlich wollte ich ja nur noch im Keller rauchen..."

"Mich interessiert dein Verhältnis zur Jägerin", Lilah wollte ihm den Anfang leichter machen, "und zwar die Einzelheiten. Zum Beispiel das: Wann habt ihr das erste Mal miteinander geschlafen?"

"Mein sogenanntes Verhältnis?" Spikes Stimme klang borstig. "Es gab kein wie auch immer geartetes Verhältnis. Ich wiederhole: ES GAB KEIN VERHÄLTNIS!" Spikes Stimme war etwas lauter geworden.

"Wie meinst du das?" fragte Lilah vorsichtig.

"Gut, ich fange von vorne an. Als sie von den anderen wieder zum Leben erweckt wurde, war ich eigentlich der einzige, der wusste, was los war. Sie hat es mir alleine erzählt. Sie war nicht im Höllenschlund, wie die anderen dachten, sondern sie war an einem sehr viel angenehmeren Ort. Ich schätze mal, es war so ’ne Art Himmel.

"Gibt es den wirklich?" fragte Lilah ungläubig.

"Meine Meinung dazu ist, dass jeder bekommt, woran er letztlich glaubt" erklärte Spike seinen Standpunkt, "ich meine auch, dass das menschliche Gehirn das alles vollbringt, wahrscheinlich sogar nach dem Tode. Ich hoffe also für mich, dass nach meinen Tode alles vorbei ist, dass ich wirklich tot bin und dass es keinen sogenannten Himmel gibt."

"Ich habe auch immer gedacht, dass der christliche Himmel ziemlich fade sein muss", sagte Lilah, "im Vergleich zum muslimischen..."

"Oh ja, die Huris!"

"Wie viele Huris stehen einem wackeren Muslim eigentlich zu? Ich habe mich allerdings immer gefragt, was sie den Frauen im Koran versprechen. Was kriegen die im Himmel? Vielleicht müssen die dort zur Belohnung keine Socken mehr waschen", meinte Lilah aufgebracht, "oder nur die Socken von den geliebten Männern und nicht noch zusätzlich die von den Huris..."

"Baby, du wäscht doch gar keine Socken. Also, was regst du dich auf?" Spike wollte sie ein wenig beschwichtigen.

"Hhhmm schon gut, also wie ging es weiter?"

"Ich glaube, sie war mir dankbar, dass ich auf Dawn aufgepasst habe. Wenn Dawn nicht gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht, aber so hatte ich wenigstens eine Aufgabe. Es war ihr Vermächtnis an mich, so habe ich es jedenfalls empfunden."

"Du hättest dich wirklich umgebracht?" fragte Lilah ungläubig, und langsam fing sie an, sich vor den Enthüllungen, die er ihr, Na ja... enthüllen würde, zu fürchten.

"Ach Gottchen, ich wollte mich schon für viel weniger Ungemach umbringen. Damals als sie mir den Chip eingesetzt haben, wollte ich mich in einen Pflock stürzen. Da kam alles zusammen, Drusilla hatte mich ein paar Monate vorher in den Hintern getreten, und der Chip hat mir den Rest gegeben."

"Das war bestimmt entsetzlich."

"Ja", sagte Spike langsam, "aber es hat nicht geklappt, und ich war gezwungen, bei meinen Todfeinden Unterschlupf zu nehmen. Das war schon verdammt... entwürdigend. Aber das ist eine andere Geschichte."

"Du könntest mir bestimmt viele Geschichten erzählen", meinte Lilah nachdenklich, irgendwie verdrossen und nicht sicher, ob sie viele Geschichten verkraften würde.

"Könnte ich. Aber erst mal diese eine. Also, eines Tages schlug sie mich, hatte wohl Frust oder so, ich schlug zurück und merkte im gleichen Augenblick, dass ich keine Schmerzen hatte wie sonst immer, wenn ich einem menschlichen Wesen etwas antun wollte. Zuerst wollte ich es nicht glauben. Das konnte einfach nicht sein. Ich dachte, der Chip hätte seine Funktion verloren und wollte im Bronze eine junge Frau beißen. Aber es ging nicht, die Schmerzen haben mich fast umgebracht – der Chip war also noch in Ordnung", Spikes Stimme stoppte unmerklich, bevor er fortfuhr: "Also musst es an ihr liegen. Sie war nicht als Mensch zurückgekommen. Das war die einzige Erklärung."

"Ja aber..."

"Tja, da habe ich mir wohl was vorgemacht", Spikes Stimme hörte sich jetzt wütend an, "wie ich hinterher feststellen sollte. Ich war so ein Idiot! Wie fing es also an? Nein, das ist falsch, da hat überhaupt nichts angefangen. Ich mach es kurz. Wir prügelten uns, ich konnte zurückschlagen, und es war wie in alten Zeiten. Bis sie mich an eine Wand schmiss und mich küsste. Na ja, und dann bumsten wir uns, bis das Haus fast zusammenfiel. Die ganze Nacht."

"Die ganze Nacht?" fragte Lilah ungläubig.

"Ich hatte lange keinen Sex mehr gehabt, ich glaube, fast über ein Jahr nicht mehr. Das letzte Mal war mit Harmony. Jedenfalls hat sie mich ganz schön rennen lassen, Buffy natürlich, nicht Harmony."

"Oooh", Lilah fand keine Worte. Spikes Enthüllungen hatten sie ärgerlich gemacht, aber sie wusste, dass sie nicht auf ihn ärgerlich war, sondern vielmehr auf seine Gefühle für diese Kuh, diese Buffy.

"Nun denn, unsere Prügelorgien hatten sich also in Sexorgien verwandelt." Spike wirkte nachdenklich, " das Blöde an der ganzen Sache war, dass wir weiter voneinander entfernt waren als früher. Sie konnte mich nicht akzeptieren als das, was ich war. Sie hielt mich von ihren Freunden fern und drohte mir an, mich zu verlassen, wenn ich irgendjemanden von unserem Verhältnis erzählen würde." Spike wirkte nun resigniert. "Wir waren noch nicht mal mehr Freunde, wir gingen nicht mehr zusammen auf Streife, alles spielte sich nur noch im Bett, auf dem Boden oder auf der Empore des Bronze ab."

"Die Frau kann ich nicht verstehen", murmelte Lilah vor sich hin.

"Aber im Bett oder sonst wo, tja, man könnte fast sagen, da habe ich ihr gezeigt, wo der Frosch die Locken hat", meinte Spike sarkastisch grinsend.

"Hat der Frosch Locken?"

"Sicher doch... Aber der Rest war ganz einfach: Ich war nur ein böses Ding für sie, allerdings war ich auch ein böses Stück Fleisch für sie, in dem sie sich suhlen konnte. Und ich habe es genossen... Sie bestimmt auch, sonst wäre sie nicht immer wieder angekommen."

"Und es hat sich nichts geändert? Ich meine, man kann doch nicht auf Dauer mit jemanden schlafen, ohne dass man irgendwelche Gefühle für ihn hat, ich meine jetzt nicht gerade die große Liebe, nein irgendwelche Gefühle." Lilah sprach aus Erfahrung. Wesley.

"Ja, Hass und Abscheu, das hat sie für mich empfunden."

"Das kann ich nicht glauben", meinte Lilah mit einem ratlosen Gesichtsausdruck.

"Hast du schon mal erlebt, wie Katzen sich in der Paarungszeit verhalten? Nein? Das ist folgendermaßen: Der Kater besteigt die winselnde Katze, paart sich mit ihr, und wenn die Katze meint, genug zu haben, fängt sie an zu kreischen, reißt sich los und versetzt dem Kater ein paar Ohrfeigen, dass er sich gewaschen hat."

"Oooh..." Lilah kannte das Katzenpaarungsspiel, sie war auf dem Lande geboren worden.

"Ich musste ein paar wirklich herbe Ohrfeigen einstecken", meinte Spike ironisch, "aber genossen habe ich es trotzdem..."

"Ich finde das ziemlich abartig", Lilahs Stimme hatte einen spitzen Ton angenommen, und im gleichen Augenblick dachte sie daran, wie sie sich bei Wes hatte einschleimen wollen.

"Ja, das war es wohl, und das waren noch die besseren Zeiten. Eines Tages nämlich kam ihr Exfreund, dieses Arschgesicht Riley nach Sunnydale zurück."

"Der von der INITIATIVE?"

"Jawohl! Der von der Initiative! Sie war so aufgelöst und so glücklich, dass sie sich ihm wahrscheinlich an den Hals geworfen hätte, wenn er nicht...", Spike grinste bösartig, "sein kleines Frauchen mitgebracht hätte. Er war nämlich mittlerweile verheiratet. Schnell, was? Nach gerade mal einem Jahr ohne sie. Der hat nichts anbrennen lassen, der Penner!"

"Warum haben sie sich überhaupt getrennt?" fragte Lilah neugierig.

"Er hatte in so ’nem Etablissement, ja Puff kann man sagen. mit so ’ner Vampirnutte rumgemacht. Weißt du, sich beißen lassen. Das haben die Vampirnutten für Geld gemacht. Waren eigentlich recht harmlos. Waren keine Gefahr für die Menschheit, hatten sich mit der Menschheit, das heißt mit den Freiern arrangiert. Nach dem Motto: Ich beiße dich, aber nicht so heftig, dass du gleich abkratzt, und du gibst mir dafür Kohle", Spikes Stimme triefte vor Verachtung.

"Ich habe gehört, dass es so etwas gibt."

"Buffy hat übrigens den ganzen Puff angezündet, alle Vampire vernichtet und zum krönenden Abschluss die Vampirlady, von der Riley sich hat beißen lassen, mit einem Speer in den Rücken getötet!"

"Das hört sich ja entsetzlich an."

"Das war nicht sehr nobel von unserer Buffy. Diese Vampire hatten ihr nichts getan, sie hatten zu einer Koexistenz mit den Menschen gefunden, bei der beide Seiten ihren Vorteil nahmen. Prostitution eben."

"Ja, da hast du recht."

"Diese Pfeife Riley, was für ein Jammerlappen! Immer hat er rumgehärmt: Uuuäääh, sie liebt mich nicht, heul, sie ist viel stärker als ich, heul... Kreisch, sie liebt mich nicht genug, uuuäääh! Ich weiß nicht, was dieser Typ eigentlich von ihr wollte. Wenn man vergleicht, was ich von ihr bekommen haben, mit dem was ER hatte – er hätte der glücklichste Mensch auf Erden sein müssen", fügte Spike bitter hinzu, "aber er hatte diesen einen Vorteil – bei all seinen Unzulänglichkeiten, Jammereien und vor allem seinem Betrug an ihr, hatte er diesen einen Vorteil. Er war ein Mensch."

"Als ob das so was Tolles wäre...", murmelte Lilah.

"Für Buffy schon... Sie hätte sich ihm an den Hals geworfen. Ich war ja nur Dreck für sie. Ein totes Ding ohne Gefühle, verflucht noch mal, sie konnte nie glauben, dass ich sie geliebt habe. Typen ohne Seele konnten ihrer Meinung nach keine Liebe empfinden."

"Seltsam, ich fühle wirklich keinerlei Sympathie für diese Frau", Lilah reagierte mit einer Heftigkeit, die ihr schon fast peinlich war. Was war das? Konnte es sich etwa um Eifersucht auf die Jägerin handeln? Ohh...

"Gut, langer Rede kurzer Sinn", fuhr Spike entschlossen fort, "Riley erwischte uns im Bett in meiner Gruft – sie hatte sich von mir ‚trösten’ lassen – ferner erwischte Riley mich bei einer Schweinerei mit gefährlichen Dämoneneiern, die ich im hinteren Teil meiner Gruft deponiert hatte, um ein nettes Geschäft damit zu machen, man muss ja schließlich von was leben, es gab eine nette kleine ätzende ‚Aussprache’ mit der Jägerin. Und danach haben sie mir die Gruft in die Luft gejagt, weil die Dämoneneierchen just in diesem Moment so dämlich waren, auszuschlüpfen..."

"Die Gruft in die Luft, das ist ja echt komisch", sagte Lilah bitter lächelnd, "das reimt sich ja echt!"

"Sie kam dann nach ein paar Stunden zurück, hatte sich wohl noch gefühlsduselig von ihrem Exlover verabschiedet – und machte mit mir Schluss. Punkt. Aus. Ende. Ach ja, Riley hatte es ihr überlassen, mich zu töten oder nicht. Sie tat es nicht, wie du siehst."

"Was für eine Scheiße!" meinte Lilah bitter. Buffy, die Jägerin wurde ihr durch Spikes Enthüllungen nicht gerade sympathischer. Wer weiß, vielleicht hatte diese Kuh ihn so verdorben, dass er nie wieder Zuneigung oder gar Liebe für eine andere Frau empfinden konnte. Diese Zicke mit ihrer Geilheit und ihrer Unverschämtheit, Leute ohne Seele in Grund und Boden zu stampfen.

"Es ging noch ein bisschen weiter." Spike hatte sich währenddessen eine neue Zigarette angesteckt und sein Glas mit Brandy aufgefüllt.

Es klingelte an der Tür, und kurz darauf hörte man ein Auto, das sich entfernte. Vermutlich ein Taxi.

"Das muss Casio sein" sagte Spike, erhob sich und ging zur Tür, um sie zu öffnen. "Ich erzähl dir den Rest ein anderes Mal, okay?"

Es war Casino. Spike verschwand mit ihm und seinem Glas Brandy im Kellergeschoss, um den Computer anzuwerfen. Casino war ein echter Experte für Computer und Musik.

 

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"Zieh dir was Nettes an, wir gehen ins E-body" sagte Spike beiläufig zu Lilah, als er kaum eine Stunde später mit Casio aus dem Keller auftauchte.

Ohh! Endlich! "Trägt man da was Bestimmtes?"

"Nööö, sollte nur bequem sein. Oder wenn du willst, aufreizend und unbequem", schlug Spike vor, und nach einem kurzen Blick auf ihren rechten Arm in der Schlinge sagte er: "Du siehst bezaubernd aus! Komm, lass uns gehen."

"Ich bin also perfekt angezogen?"

"Du BIST perfekt!"

Das fand Lilah großartig.

"Wir sollten besser zu Fuß hingehen, ich habe keine Lust, am nächsten Tag das Auto abzuholen", sagte Spike, "denn wir werden nicht Auto fahren, wenn wir was getrunken haben..."

"Du bist der Boss", meinte Lilah munter, und Spike grinste zufrieden.

Halbe Stunde Fußmarsch, und man kam ins warme E-body, ins dampfend warme E-body.

Die anderen Jungs waren schon da. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um eine telepathische Verabredung, oder sie hatten alle Mobiltelefone.

Jedenfalls waren sie alle da.

Und sie hatten Plätze für sie freigehalten.

"Lilah, rutsch rein."

Lilah kletterte in die Polsterbank, Spike kletterte hinter ihr her, und es war so eng auf der Polsterbank, dass Spike seinen linken Arm um ihre Schultern legen musste. Gesegnet sei die Polsterbank.

Lilah sah sich neugierig um. Was sie sah, gefiel ihr. Keiner kümmerte sich um andere Leute, und es waren jede Menge andere Leute da, die ziemlich ausgeflippt aussahen. Zwei Pärchen waren in Abendrobe, kamen wahrscheinlich aus der Oper auf eine Portion Spagetti vorbei, aber keinen interessierte das besonders.

Lilah seufzte erleichtert auf. Sie hätte auch im sündhaft teuren Anwältinnen-Kostüm mit dezenter Perlenkette hier sein können, und es hätte sie keiner beachtet.

"Hast du Hunger?" fragte Spike sie und reichte ihr die sagenumwobene Speisenkarte des E-body herüber.

"Mal schauen." Lilah vertiefte sich in die Karte – circa zwei Minuten lang – musste lachen und fragte Spike, was er ihr denn empfehlen könnte. Die billigen Spagetti mit den besten Zutaten, den absolut vitaminlosen Proletenteller, oder die sogenannten Torties mit reichlich Geschmacksverstärker.

"Nimm die Spagetti, für den Anfang. Nein, besser nicht, nimm die Geschmacksverstärker. Die kannst du mit nur einem Arm essen", empfahl Spike. "Ich könnte dich zwar mit den Spagetti füttern, aber das wäre eine ziemlich schweinische Sache..."

Lilah bestellte eine Portion Torties beim Wirt. Obwohl das schweinische Füttern auch seine Reize gehabt hätte...

Snikkers kam rein, leicht schwankend, als hätte er schon woanders einiges getrunken.

"Oh Lilah, mein Liebling!" Snikkers hatte sich hinter der Polsterbank aufgestellt und fiel Lilah fast um den Hals vor Wiedersehensfreude, was umso erstaunlicher war, da sie sich gerade erst gestern gesehen hatten.

Die Torties wurden gebracht, und Lilah entschloss sich, sie an einem dieser Baumstämme zu essen. "Lass mich raus", sagte sie zu Spike, griff sich den Teller Torties mit dem Besteck, rutschte aus der Bank, und setzte sich zwei Meter weiter auf einen leeren Barhocker an einem Baumstamm.

Die beiden männlichen Typen, die schon dort saßen, waren ziemlich begeistert von dieser verdammt gutaussehenden Frau, wurden aber von ihr ignoriert. Der Vorteil schöner Frauen ist, dass sie das Ignorieren von fremden Typen bis zur Perfektion beherrschen.

Die Torties waren genießbar. Erstaunlicherweise.

Aus den Augenwinkeln verfolgt sie, wie Spike aufs Klo geht und nach einer Weile ziemlich entsetzt wieder heraus kommt. "Oh Gott, ist schon wieder verstopft", meint er angeekelt, fügt hinzu: "Da steht man ja kniehoch in Scheiße...", und machte sich auf den Weg nach draußen, um wohl in die Büsche zu pinkeln.

Das Männerklo im E-body ist übrigens fast immer verstopft. Das ist sein Normalzustand, und Karel der Wirt führt einen aussichtslosen, von vorneherein zum Scheitern verurteilten Kampf gegen die Verstopfung.

Lilah setzt sich wieder auf die Bank, Snikkers setzt sich zu ihr, legt einen Arm um sie und stöhnt verzweifelt: "Der wollt ihr mal die Welt zeigen..."

Lilah ist etwas verwirrt, sie weiß nicht, was er meint und ist abgelenkt von Spike, der gerade wieder hereinkommt von draußen, und es ist ihr peinlich, dass Snikkers seinen Arm um sie gelegt hat.

Spike sieht sie in Snikkers Armen und denkt, es ist mal wieder soweit! Snikkers ist fertig! Spike knirscht mit den Zähnen. Obwohl er weiß, dass Snikkers ein armes Schwein ist und dazu noch besoffen, will er nicht, dass er Lilah anfasst. Aber was zum Teufel will er? Was will er? Bis jetzt hat er sie fast wie ein angenehmes... ja vielleicht Haustier, empfunden, wie eine Katze vielleicht, wunderschön und überhaupt nicht aufdringlich (Wir stellen fest, dass Spike noch nie eine Katze gehabt haben kann, sonst würde er dieses Tier nicht als nicht aufdringlich bezeichnen, aber egal). Was also empfindet er? Er empfindet nur, dass sie nicht in Snikkers Armen sein sollte, wenn schon dann in seinen, Spikes Armen. Das empfindet er. Allerdings weiß er nicht genau warum. Irgendwie scheut er davor zurück, weil er vielleicht Angst hat?

Tatsache ist, dass er Lilah für eine Spionin von W&H hält, aber er hat nun wirklich keine Ahnung, was sie bei ihm ausspionieren soll. Außerdem, was können die schon groß von ihm wollen...

...Überlegt er gerade, als ihn eine vollbusige Person anspricht und mit der nun wirklich fadenscheinigen Begründung "Mein Auto springt nicht an, kannst du mal gucken" nach draußen lockt.

Dieses wiederum ist Lilah nicht recht. Energisch löst sie sich von Snikkers, klettert aus der Bank und geht auch nach draußen.

Er sitzt auf der Motorhaube eines Sportwagens und flirtet offensichtlich mit der Inhaberin dieses Sportwagens, diesem Tittenmonster, das ihn hinausgelockt hat.

"Da hast du aber ein geiles Gerät", sagt er zum Tittenmonster, das sehr nahe bei ihm steht, worauf das Tittenmonster anzüglich entgegnet: "Da musst du erst mein anderes Gerät sehen. Äääh, du meintest doch meinen Wagen? Oder?"

Lilah erkennt sofort, dass sie es mit einer höchst unmoralischen Person zu tun hat, die alles Erdenkliche tun würde, um Spike in ihren Sportwagen und womöglich an ihre anderen geilen Teile zu zerren.

Sie bewegt sich langsam zum Sportwagen hin, lächelt dann erfreut das Tittenmonster an und sagt heiter zu Spike, als wäre sie nicht stinksauer: "Oh da bist du ja, Liebling", drückt ihm einen leichten Kuss auf die Wange, "die Jungs warten schon auf dich!" und lotst ihn vorsichtig wieder Richtung Eingangstür E-body und dann auf die Polsterbank, aber so, dass er hinten zu sitzen kommt und unter Kontrolle ist.

"Du hast mich gerettet", meint Spike erleichtert.

"Ach was!" Lilahs Stimme klingt ein wenig säuerlich, "dein Kopf verschwand ja schon fast unter ihren Titten. Du musst ja unheimlich gelitten haben!"

"War auszuhalten, aber nicht gerade schön. Ich verstehe absolut nicht, dass amerikanische Männer solche Busenfanatiker sind. Haben die alle einen Mamakomplex?" Spike fragt dieses sehr überzeugend, denn er steht nun wirklich nicht (ganz ehrlich) auf monströse Titten.

"Erzähl mir nichts", meint Lilah ein wenig aufgebracht.

"Ich stehe wirklich nicht auf Plastiktitten", bekräftigt Spike und fährt fort: "Aber manche Frauen müssen sich unbedingt von irgendwelchen Typen angrapschen lassen..."

"Du meinst doch nicht etwa Snikkers?"

"Neeiiin, absolut nicht! Wie kommst du denn auf den?" Spikes Stimme trieft ein wenig vor Hohn.

Sie streiten sich noch eine Weile, natürlich nicht ernsthaft, denn sie sind schließlich kein Liebespaar, man könnte fast sagen, sie simulieren einen Streit unter Liebespaaren, bis plötzlich von Porterhouse eine Knobelrunde ausgerufen wird – was sich kundtut durch die obligatorische Frage: "Sollen wir einen umdrehen?"

 

Ende Teil 7

 

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Teil 8

 

Das Schocken....

...Ist ein Knobelspiel, das man meistens gewinnt, wenn man viel Geld in der Tasche hat – und meistens verliert, wenn man eh schon pleite ist. Wie jedes Glücksspiel.

Wie viele Leute können es spielen? Egal, von zwei bis unendlich, falls genügend Becher und Würfel da sind und die Theke lang genug ist.

Und wie viele Leute können es spielen? Antwort: Nicht alle können es, denn nur wenige sind auserwählt, das Schocken zu beherrschen.

Es ist eine Mischung aus Glücksspiel, Risiko und Taktik. Mehr Glücksspiel.Jeder Mitspieler benötigt dazu einen Knobelbecher und drei Würfel. In ungefährer Mitte der Würfelrunde werden dreizehn Bierdeckel aufgestapelt. Und später verteilt. Jeder der Mitspieler hat, in der Theorie, drei Würfe. In der Praxis bestimmt derjenige, der als erster würfelt, wie viele Versuche die anderen haben. Alles klar?

Der höchste Wurf ist: drei Einsen, also 1 1 1 und kann durch jeweiliges Rauslegen der Einsen zusammengewürfelt werden. Besser ist natürlich 1 1 1 im ersten Wurf, aber das ist selten. Achtung, was einmal liegengelassen wurde, liegt und kann beim nächsten Wurf nicht wieder in den Becher gepackt werden. Und falls jemand wirklich 1 1 1 wirft, ist das ein Schock-Aus, und es gibt ein großes Trara oder Gejammer, je nachdem wer den Schock-Aus geworfen hat oder nicht. Der Schock-Aus entscheidet nicht das ganze Spiel sondern nur eine Hälfte davon. Man muss  ihn nicht unbedingt werfen, um unbeschadet aus dem Spiel herauszukommen. Unbeschadet heißt übrigens, dass man sich genüsslich zurücklehnt und sein gewonnenes Getränk schlürft. Wenn man viel Glück hat, geht man von Bier alsbald auf ein Schnäpschen oder Likörchen über, weil man sonst andauernd zum Klo rennen müsste. Und die Klos im E-body sind wirklich unter aller Sau...

Zweitbester Wurf ist: zwei Einsen und eine sechs, also 1 1 6, und kann durch jeweiliges Herauslegen zusammengewürfelt werden. Siehe oben. Dafür kriegt der mit dem schlechtesten Wurf sechs Bierdeckel von den dreizehn, die verteilt werden. So geht es nun weiter bis zum sogenannten Schock-Blöd, nämlich 1 1 2 , der wirklich ziemlich blöde ist, weil jede Straße genauso viel Punkte zählt, nämlich zwei. Eine Straße muss ich ja wohl nicht erklären oder? Einen General, der drei Punkte zählt, auch nicht.

Was soll man groß erzählen. Schocken lernt man beim Spielen.

Spike hatte wirklich mordsmäßiges Glück. Im Gegensatz zu Snikkers. Spike hatte das Talent, sich fein rauszuhalten und die Deckel dezent an seine Mit... oh Verzeihung Gegenspieler zu verteilen.

Zum Beispiel: Spike legt vor, das heißt, er ist als erster dran und wirft eine 5, eine 3 und eine 1. Jeder würde jetzt sagen, das ist ein beschissener Wurf, aber nicht Spike. Er lässt diesen ersten Wurf stehen, und seine Gegenspieler haben nun auch nur noch einen Wurf, und da ist mit Sicherheit einer dabei, der noch schlechter ist und sich einen Deckel einfängt, und wenn er Pech hat, fängt er sich die erste Hälfte des Spiels ein, denn irgendeiner von den sechs Leuten könnte einen Schock-Aus im 1. geworfen haben. Dann ist das Gelächter groß!

Spike treibt seine Gegenspieler mit seinen stehengelassenen ersten Würfen fast zum Wahnsinn. Jeder andere würde mit einer eins im ersten Wurf auf einen Schock gehen, aber Spike lacht nur darüber. Wer einen Deckel bekommt, muss vorlegen, die meisten verzetteln sich in der Bemühung, einen Schock, einen General oder zumindest eine Straße zu würfeln, es schlägt meistens fehl , und man gibt den anderen die Chance, mit drei Würfen ganz was Tolles zusammen zu würfeln. Also am besten nur einen Wurf vorlegen Manchmal nimmt Spike auch einen Deckel, aber es handelt sich nur um EINEN Deckel, den man, nachdem alle anderen an die Leute verteilt wurden, mit etwas Glück wieder loswerden kann.

Also Spike gewinnt. Snikkers verliert. Was traurig ist, denn Snikkers hat schon jede Menge Schulden. Die Sharkie-Brothers hängen ihm im Nacken, er muss unbedingt Geld besorgen. Und eigentlich sollte er fürs Geldbesorgen nicht in Kneipen gehen.

Glück in der Liebe – Pech im Spiel, das ist wirklich ein total blöder Spruch, denn meistens hat man Glück auf allen Fronten, so wie Spike...

 

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Nach und nach lernte Spike die Bandmitglieder näher kennen, alle bis auf Porterhouse, der wirklich unzugänglich war, nicht nur bei Spike. Aber die anderen drei waren in Ordnung.

Snikkers, eigentlich ein recht normaler Typ, mittelgroß, schlank, mit gelocktem Haar, irgendwie aussehend wie ein Puertoricaner aus einem Musical, mäßig trinkend und rauchend, hatte ab und zu Aussetzer und zwar dann, wenn er einen ÜBER den Durst getrunken hatte, was zwar selten vorkam, aber dann umso heftiger war. Er verwandelte sich unmittelbar von einem Augenblick zum anderen in ein schluchzendes untröstbares Etwas. Der Höhepunkt seiner trunkenen Depression war dann immer der Ausspruch: "Der wollte ihr mal die Welt zeigen", gefolgt von weiteren heftigen Saufanfällen, bis der gute Snikkers hinterher so besoffen war, dass er aus eigener Kraft nicht mehr die Kneipe verlassen konnte, sondern von mindestens zwei befreundeten Saufbolden in die Mitte genommen und in seine bescheidene Wohnung abtransportiert werden musste.

<Der wollte ihr mal die Welt zeigen> Spruch zeigte Snikkers tiefe Lebenskrise auf. <Der> war ein mit ihm verfeindeter junger Snik-Casanova, der unglaublichen Erfolg bei jungen Snikfrauen hatte.

<Ihr> bezog sich auf Snikkers Exfreundin, mit der er gut zwei Jahre lang die große Liebe geteilt hatte. Bis dann <Der> auftauchte und alles, woran Snikkers glaubte, zuschanden machte. Jedenfalls war es aus. Ob allerdings <Der> <Ihr> jetzt wirklich die Welt gezeigt hatte oder nur gewisse Teile seiner Anatomie, darüber gab Snikkers nie erschöpfend genug Auskunft. Vielleicht wollte er es gar nicht wissen oder sagen.

Irgendwie fühlte Spike eine gewisse Sympathie für Snikkers. Snikkers war der einzige von den Jungs, der mal eine feste Beziehung zu einer Frau gehabt hatte, und das war gleich so furchtbar in die Hose gegangen. Bemitleidenswert irgendwie. Snikkers besaß Spikes vollstes Verständnis, und die beiden schwammen ungefähr auf der gleichen Wellenlänge.

Casio, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Oz, dem Werwolf besaß, allerdings war er ein bisschen größer, war zwar ein guter Kumpel, aber seine Interessen beschränkten sich nur auf sein Keyboard, dem er traumhafte Klänge entlocken konnte, auf Computersysteme und veraltete DOS–Spiele. Einseitig irgendwie.

Bronson, größer als mittelgroß mit langen glatten schwarzen Haaren, man hätte ihn gutaussehend nennen können, wenn er nicht diese Klamotten aus der Mülltonne getragen hätte. Bronson war zwar auch ein guter Kumpel, aber er lebte eigentlich nur in seiner ruhmreichen Vergangenheit, zitierte des öfteren seine Gedichte, wenn ein Publikum da war (Publikum = zwei Leute) und hatte leider, wahrscheinlich wegen seiner exzessiven Saufereien, gedankliche Aussetzer, die dazu führten, dass seine Gedichte immer kürzer wurden. Er konnte sich einfach nicht mehr an die Enden erinnern. Tragisch irgendwie.

Porterhouse dagegen – mittelgroß, drahtig und mit kurzrasiertem Schädel – besaß einen hellen Verstand und ähnelte Spike in seinem Sarkasmus und seiner ironischen Art, aber sein Verhältnis zu Frauen stieß Spike ab. Worüber konnte man sich auch mit jemanden unterhalten, der Frauen nur als einmalige Bumsobjekte sah. Nicht dass Spike etwas gegen eine einmalige Bumsaktion gehabt hätte, aber er war doch mehr für eine etwas längerfristige Beziehung, wenn die Frau danach war. Tja, Porterhouse war zwar faszinierend, aber auch abstoßend irgendwie.

 

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Man holte unter Mitwirkung von Snikkers Lilahs Porsche aus seiner Stadtunterkunft und parkte ihn in der Garage neben Spikes Haus. Lilah hatte sich nämlich überlegt, dass wenn Spike schon auf geile Geräte stand, er dann doch besser auf ihre, Lilahs geile Geräte stehen sollte.

Bei dieser Gelegenheit entdeckte man in der Garage noch einen großen Esstisch aus Mahagoni und acht dazu passende Stühle. Offenbar waren sie für größere Feiern gedacht, wie zum Beispiel Thanksgiving oder Weihnachten.

"Wir müssen unbedingt mal was feiern", forderte Bronson.

"Wenn wir was zum Feiern haben", meinte Snikkers.

"Wir feiern einfach", meinte Spike.

"So Feiern sind doch bescheuert", meinte Porterhouse.

Casio hielt sich da raus und träumte von einer Melodie aus einem uralten DOS-Spiel, die er allerdings unter XP nie wieder gehört hatte. Scheiß Fortschritt!

 

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Die Jungs waren mittlerweile so perfekt, natürlich nur musikmäßig, dass Spike allmählich daran dachte, ins Aufnahmestudio zu gehen. Es gab nur noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln. Zum Beispiel, welche ‚Blue Monday’ Version sie spielen sollten. Ob sie ein Stück von den Sex Pistols spielen sollten. Ob sie ein eigenes Stück spielen sollten.

Alles schwere Entscheidungen.

Man entschied sich für die ‚Blue Monday’-Version von den Joy Division und nicht für New Order, von der sie eigentlich sein sollte. Aber die New Order-Version war einfach zu glatt und zu steril im Gegensatz zu der von Joy Division. Joy Division war peppiger und auch viel länger und spannungsreicher. Sieben Minuten zu vier Minuten. Seltsamerweise hatte Casio die Joy Division erst vor kurzem runtergeladen, und keiner hatte diese Version bisher gekannt.

Also Joy Division! Spike hatte diese Version von Anfang an favorisiert, unter anderem, weil ihm der Frontmann der Truppe so sympathisch war, der hatte sich nämlich das Leben genommen, weil er dasselbige nicht ertragen konnte.

Sex Pistols? Nein, sie wollten keinen reinen Punk spielen.

Eigenes Stück? Nein das würde vermutlich zu sehr gegen die anderen Stücke abstinken.

Und dann war da noch Anne Clark mit ihrem ‚Homecoming’. Damit kam Spike überhaupt nicht zurecht. Das war so ein Sprechgesang, aber irgend etwas stimmte nicht damit. Es sollte eigentlich von einer Frau gesungen werden. Von einer Frau mit einer deutlichen, kühlen spröden Stimme. Und dann kam ihm die Erleuchtung.

"Liiilaaah! Komm mal runter!"

Und so geschah es, dass Lilah Morgan im Alter von 32 Jahren bei einer Band mitsang, nein eher mitsprach. Sie erhielt einen Ausdruck des Textes und die Anweisung: "Nur sprechen, auf keinen Fall singen!" Ferner spielte man ihr das Stück vor, und sie erhielt die gleiche CD, die jedes andere Bandmitglied schon erhalten hatte. Zum Üben!

"Das ist es!" meinte Spike zufrieden nach der ersten ernsthaften Probe. Er wusste nicht, dass Lilah, gewissenhaft wie sie als Anwältin halt war, stundenlang den Text, der wirklich nicht von schlechten Eltern war, in ihrem Zimmer geübt hatte. Kleiner Ausschnitt zum Beispiel:

 

You walk into view

From shadow thrown against the door

Hands reach out an grasp the moment

They've been waiting for

You pull me close

Dampness seeps through to your Skin

You peel the layers away

I feel the fire ignite within

 

Ach ja... Seufz.... Auch Lilah fühlte ein gewisses Feuer in sich.

 

Mittlerweile sind fünf Wochen vergangen, und Lilah verspürt eine leichte unbestimmte Wehmut. Der Gips kommt endlich ab. Aber das bedeutet auch, dass sie keinerlei Grund mehr hat, in Spikes Haus herumzuhängen. Sie kann jetzt wieder für sich selber sorgen. Aber will sie es überhaupt? Eigentlich nicht, sie will nicht in ihre Wohnung zurück, und nachdem der Gips ab ist, redet keiner mehr über den Gips, der nicht mehr da ist. Sie bleibt. Und trainiert ihren rechten Arm, der doch recht dünn geworden ist.

Die Jungs gehen ins Studio, und die Aufnahmen dauern fünf Tage. An einem Tag muss Lilah auch mit hingehen und ihr Lied singen, pardon sprechen. ‚Homecoming’.

Mittlerweile ist auch der Belagerungszustand durch die Jungs zu Ende, sie kommen wohl noch vorbei, aber es gibt wieder Luft im Hause, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

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Lilah und Spike schauen mal wieder ‚Reich und schön’.

Im Haus ist es schon recht kühl geworden, denn die Temperatur kann im Herbst nachts rapide fallen, und Lilah hat sich deswegen eine kuschelig warme, innen angeraute Trainingshose anzogen und ein lavendelblaues Flanellhemd. Sie hat ihre langen Haare zu zwei Zöpfen geflochten, die nach vorne über ihre Schulter hängen und sieht unglaublich jung und unschuldig aus. Sie ist froh, dass sie beide Arme wieder gebrauchen kann.

Spike schaltet den elektrischen Kamin ein. Er trägt noch ein kurzärmeliges schwarzes T-Shirt, weil er nicht so leicht friert (34° Körpertemperatur) eine bequeme graue Cargohose, die er eigentlich nur zu Hause trägt und man sehe und staune, dicke graumelierte Wollsocken. Lilah überlegt, ob er vielleicht kalte Füße hat und dass, wenn er welche hat, sie sie ihm gerne wärmen möchte.

"Oh Gott, was passiert da?" wundert sich Spike stöhnend, als Taylor bei der Geburt ihrer Zwillinge, geschwächt von einer eklig resistenten Tuberkulose, die sie sich von einem Landstreicher, dem sie Gutes tun wollte, geholt hat, in ein Koma fällt. Und zwar in ein minutenlanges Koma!

"Ich bin zwar keine Ärztin", meldet auch Lilah ihre Zweifel an, "aber die müsste jetzt schon schwer hirngeschädigt sein – falls sie noch mal aufwacht..."

Ridge, Taylors Ehemann steht weinend neben ihrem Bett. Ferner zwei Ärzte, diverse Krankenschwestern, und dann kommt der Rest der Familie: ihre Schwiegermutter Stefanie, ihr Schwiegervater Eric und sogar ihre bisher größte Feindin, nämlich Brooke, die es immer auf Ridge abgesehen hatte, alle betreten den OP:

"Also, wenn ich Arzt wäre, würde ich die alle rausschmeißen!" empört sich Spike.

"Oh Gott, das geht wirklich zu weit", stimmt Lilah ihm zu. "Schau, jetzt kommt Taylor noch aus ihrem Körper heraus und sieht sich selber von oben. Oh Gott nein! Huch, was ist denn das? Etwa ein Engel? Komisch, als ich gestorben bin, habe ich nichts dergleichen erlebt." Trotz ihrer Bedenken sehen Lilahs Augen ein wenig feucht aus.

"Als ich gestorben bin, hatte ich ziemliche Schmerzen, und es war verdammt hell, aber nicht von einem himmlischen Feuer, sondern ganz im Gegenteil." meint Spike.

"Sie kommt zurück. Nein, das glaube ich nicht!" Lilah ist so entrüstet, als hätte die Schwerkraft gerade ausgesetzt und sie und alle anderen Gegenstände würden in der Luft schweben. "Jetzt hab’ ich doch tatsächlich umsonst geflennt..."

"Das ist alles total unrealistisch", stimmt Spike ihr zu. "Ich glaube, ich guck’ mir das nicht mehr an."

"Das habe ich schon so oft gesagt, aber es ist wie Nikotinsucht. Die Zigaretten schmecken dir zwar nicht mehr und du weißt, es ist schlecht für dich, aber du steckst dir immer wieder eine an, um herauszufinden, ob sie vielleicht doch wieder schmecken." Lilah spricht aus Erfahrung, denn sie hatte früher einmal geraucht.

"Davon kann ich auch ein Lied singen."

"Erzähl’ mir weiter, du weißt doch, deine Geschichte mit der Jägerin." Lilah schaltete den Fernseher aus.

"Wo hatten wir aufgehört?"

"Als sie mit dir Schluss gemacht hat."

"Da kommt nicht mehr viel", sagte Spike gelassen, "deswegen werde ich es kurz machen. Sie hatte also mit mir Schluss gemacht, aber aus dem Weg gehen konnten wir uns trotzdem nicht. Zum Beispiel bei der Hochzeit von Xander und Anya."

"Anya, das war doch auch eine Dämonenfrau", sagte Lilah.

"Eine ehemalige Rachegöttin, hatte ein bisschen Pech gehabt. Egal, ich führte bei dieser Hochzeit mit Buffy ein fast normales Gespräch. Die Hochzeit platzte übrigens."

"Ach was!"

"Das führte dazu", Spike musste unwillkürlich grinsen, "dass Anya, die ehemalige Rachegöttin, auf Rache aus war. Ich stolperte aus Versehen in ihren Zauberladen hinein, um ein Trostmittel gegen Liebeskummer zu kaufen, denn Buffy hatte mich kurz vorher beschuldigt, in ihrem Vorgarten ein paar als Gartenzwerge getarnte Abhörgeräte installiert zu haben, was natürlich absurd war, wie ich ihr auch sagte. Ich war zwar besessen von ihr, aber so einen Scheiß... neee. Na gut, es kam zu dem üblichen Gespräch zwischen ihr und mir. Ich behauptete, ich wäre nicht mehr böse und würde ihr nie ein Leid antun können. Sie behauptete, ICH würde das zwar glauben, es wäre aber nicht so, denn ich würde lügen, stehlen und manipulieren... blaahblaahblaah. Du Dämon – du schlecht! Und ich sollte loslassen. Loslassen!!! So einen blöden Spruch konnte ich nicht ertragen und warf sie deswegen aus meiner Gruft.

"Das soll jetzt eine Kurzfassung sein?" fragte Lilah ein wenig konsterniert, als Spike heftig Luft holen musste, um weiter zu reden.

"Anya und ich leerten gemeinsam eine Flasche Whisky und waren so besoffen, dass wir es auf dem Tisch im Zauberladen trieben. Wir wussten natürlich nicht, dass eine Überwachungskamera alles aufnahm und in alle Haushalte von Sunnydale sendete. Das waren die gleichen Wichser, die den Überwachungszwerg in Buffys Vorgarten installiert hatten."

"Das hört sich geil an!"

"Alle hatten es gesehen. Und so geil war das gar nicht. Wir guckten uns ziemlich blöde an, als wir wieder zu uns kamen. Es war peinlich. Und als ich aus dem Laden rausging, schwirrte eine Axt auf mich zu, und ich konnte mich gerade noch abdrehen. Die Axt kam Xander, der auch TV geguckt hatte.

"Oh, der war eifersüchtig?"

"Jaaa, und kurz danach traf auch Buffy ein, und sie beschützte mich vor Xander, das war zum Kotzen! Als er dann auch noch Anya beschimpfte, sie hätte es mit einem toten seelenlosen Ding getrieben, damit meinte er natürlich mich, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und sagte: Für Buffy war ich gut genug."

"Na endlich mal ein klares Wort", meinte Lilah erleichtert.

"Ja, die Katze war aus dem Sack. Sie guckte mich an, teil verletzt, teils als ob sie mich umbringen wollte und sagte dann: "Das hat ja nicht lange gedauert." Einen Tag vorher hatte sie noch zu mir gesagt, ich könnte nicht loslassen."

"Aber du durftest nicht mit einer anderen schlafen", sagte Lilah lächelnd.

"Aber was zum Teufel wollte sie von mir? Ich war jedenfalls ganz raus aus der Gang, so richtig war ich ja nie drin gewesen, aber jetzt war Buffy anscheinend so sauer auf mich, dass sie allen verboten hatte, mich jemals um Hilfe zu fragen."

"Seltsam. Schizophren." Lilah machte sich so ihre Gedanken.

"Nun kommt das wohl übelste Kapitel unserer... haha Beziehung. Ich habe nämlich versucht, sie zu vergewaltigen."

Lilah blieb nun stumm, denn sie wollte jede Einzelheit genau in sich aufnehmen, als Frau sowohl wie als Rechtsanwältin.

"Zu meiner Entschuldigung, und das ist die einzige Entschuldigung, die ich habe, muss ich sagen, dass ich damals noch ein Vampir war. Ich hatte zwar den Chip, der mich allmählich von gewalttätigen Sachen entfernt hatte, aber ich war immer noch gewalttätig, nur ich konnte es nicht ausleben. Buffy liebte ich, ich konnte sie verletzen, ich hätte sie beißen können, so schnell, dass sie keine Gelegenheit gehabt hätte, sich zu wehren. Und es gab dazu viele Gelegenheiten. Während und nach unseren Liebesspielen. Aber ich habe es nicht getan, weil ich dachte, dass sie es noch nicht wollte..."

"Ja und dann?" Lilah wurde ein wenig ungeduldig.

"Buffys Schwester Dawn besuchte mich in meiner Gruft. Ich war ziemlich besoffen, hatte schon einiges intus und war deshalb ziemlich sauer, als die Kleine mir doch tatsächlich einreden wollte, ich hätte Buffy sehr weh getan. Dieser Spruch wiederum tat MIR sehr weh. Was wusste die Kleine schon von unserer... hahahah Beziehung. Als sie dann gegangen war, rappelte ich mich auf, um einen letzten Versuch zu starten. Ich ging zu Buffys Haus und in ihr Badezimmer, sie wollte gerade ein Bad nehmen..." Spikes Stimme stockte.

"Was dann."

"Ich wollte sie zwingen, mit mir zu schlafen, sie sollte einsehen, dass sie mich liebte, denn ich hatte es gespürt, wenn ich in ihr war", Spikes Stimme wurde leiser, "dass da irgend etwas war."

"Was?"

"Gefühle, die sie sich nie eingestehen wollte. Ich war ihr Todfeind gewesen. Wir hatten uns mehrere Male fast gegenseitig umgebracht. Ich war ein Vampir. Dazu noch einer ohne Seele. Sie muss sich so verdammt dreckig vorgekommen sein!"

"Du hast Mitleid mit ihr?"

"Jetzt ja. Damals konnte ich sie nicht verstehen. Jedenfalls schlug sie zurück, wehrte mich ab, sie wollte es nicht.“ Spikes Stimme stockte, "und dann machte sie unwiderruflich und endgültig Schluss mit mir."

"Aber sie war eifersüchtig!"

"Das bedeutete überhaupt nichts", meinte Spike nachdenklich und schaute Lilah an, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Sie sah übrigens ganz entzückend aus mit diesen Zöpfen, wie ein kleines Mädchen. Sie war so bar jeder Koketterie, sie lächelte nie so verführerisch, sie verließ sich nie auf ihre Schönheit, setzte sie nie als Waffe ein, und sie würde nie einen relativ fremden Mann so schmachtend ansehen, wie Buffy damals in diesem Restaurant Robin Wood angesehen hatte. Er würde das nie vergessen – ihre Lippen ihm zugedreht wie das Maul eines bestimmten Fisches, dessen Name ihm natürlich jetzt nicht einfiel, ein Kussmaul eben. Und diese Anspielung, sie hätte nie so etwas ...Gutes im Mund gehabt, das war wirklich ein Tiefschlag! Ach was soll’s, Buffy hatte ihn, Spike, nie mit diesem überwältigenden Charme angeschaut – für ihn waren andere Dinge reserviert.

 

Ende Teil 8  GONE WITH THE DEATH?  © Ingrid Grote 2003

 

 

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