GONE WITH THE DEATH?
Teil
5
Sie fuhren endlich los, hielten noch an einem
Supermarkt an, kauften auf die Schnelle alles ein, was man so zum Leben
braucht, nämlich jede Menge gefrorene Steaks, Barbecuesoßen, Zwiebeln, Fertigsalate-
und Soßen, jede Menge Käse, Brot zum Aufbacken, Diätmargarine, Dosenbier und
Cola, Kaffee, Popcorn für die Mikrowelle, jede Menge Chips... und mehrere
Fernsehzeitungen.
"Was meinst du dazu?" fragte Spike sie,
als sie von der Hauptstraße auf den langen Privatweg abgebogen waren und das
Steinhaus langsam in Sicht kam.
"Sieht interessant aus. Wie bist du
drangekommen?"
"Deine Firma hat’s mir quasi an den Hals
geworfen", meinte Spike nachdenklich. "Ich frage mich, welchen Wert
ich für die haben könnte."
"Es ist nicht mehr meine Firma. Aber es
stimmt, von denen kriegt man nichts umsonst. Aber ich habe nicht die geringste
Ahnung, was sie von dir wollen könnten."
"Ist mir im Augenblick auch egal." Spike
warf ihr einen forschenden Blick zu, den sie nicht bemerkte.
Sie waren vor dem Haus angekommen, und Spike parkte
das Auto auf dem unter den Reifen des Autos knirschenden Kies, der sich vor der
Haustür erstreckte.
"Hier passen schon ein paar Autos hin",
meinte er, lässig mit dem Arm auf das große Kiesrund weisend.
"Wirst du denn viel Besuch bekommen",
fragte Lilah neugierig.
"Keine Ahnung, mal gucken." Spike wusste
nicht, ob die Jungs alle Autos besaßen. "Zur Not könnte man noch zwei in
die Garage stellen, die ist ziemlich groß."
"Ich habe übrigens auch ein Auto, es steht in
einer Garage in der Nähe meiner Wohnung."
"Hol’s doch her. Dann wärst du nicht so
unabhängig von mir. Ist zwar nicht wirklich weit bis LA, aber ihr Amerikaner
geht doch für jeden Meter zu Fuß", meinte Spike spottend.
"Moment mal, meine Großeltern waren auch
Engländer, und die sind viel gelaufen, soweit ich mich erinnern konnte",
Lilah war irgendwie sauer auf Spike. Was sollte das Gerede? Wollte er sie schon
loswerden? Das Gequatsche über die Unabhängigkeit hörte sich ja fast so an, als
wollte er sie nie irgendwohin fahren.
"Oh bitte Lilah", meinte Spike mit seiner
einschmeichelnder Stimme, "meine süße kleine Engländerin, zumindest in der
dritten Generation Engländerin, du kannst auch gerne laufen, wenn du willst,
ist ja nur, ich schätze mal, eine volle Stunde bis LA, aber bitte beschwer’
dich dann nicht bei mir, wenn ich gerade was anderes zu tun habe."
Beschämt senkte Lilah ihren Kopf. "Ja, ich
sollte es holen. Ist übrigens ein Cabrio. Fährst du gern oben ohne?"
"Was denn, ohne T-Shirt? "
"Nein!" Lilah musste lachen.“ Ich meine
ohne Verdeck. Es ist übrigens ein Porsche. 911er..."
"Aber hallo! Du sprichst ja wie der Typ aus
den Bond-Filmen." Vor Spikes geistigem Auge erschienen wilde Fahrten mit
im Fahrtwind flatternden Haaren, total gedemütigt aussehenden anderen
Verkehrsteilnehmern und dann plötzlich eine sich vollkommen echt anhörende
gellende Polizeisirene. Diese allerdings erschien nicht vor seinem geistígen
Auge, sondern in seinem geistigen Ohr.
"Bist ein reiches Mädchen, was?"
"Reich und böse", behauptete Lilah
verwegen, griff sich als erstes ihre Reisetasche, dann wollte sie auch ihren
Aktenkoffer ergreifen, hatte aber ihren eingegipsten Arm vergessen, ließ den
Koffer stehen und marschierte schon mal zur Haustür.
"Hast du nicht noch was vergessen?"
fragte Spike, sah ihren verständnislosen Gesichtsausdruck und fügte hinzu:
"Schön... schön bist du auch."
Grinsend holte er den Haustürschlüssel aus seiner
Hosentasche, nahm ihren Aktenkoffer und folgte ihr. Ein kleines Kompliment konnte
manchmal nicht schaden...
Lilah entdeckte sofort Dinge im Haus, die Spike bei
seinem ersten Besuch offenbar entgangen waren:
Den Schreibtisch mit dem Computer in einer
Seitennische des großen Wohnraums. Noch einen Computer im Kellergeschoss. Den
kleinen Fitness-Raum im Kellergeschoss und die kleine Bar im Zimmer nebenan.
Allerdings war die Bar Spike NICHT entgangen.
"Das ist echt hübsch hier", meinte Lilah
nach der Besichtigungstour.
"Ja, echt hübsch", stimmte Spike ihr zu,
"und vor allem kann man sich hier aus dem Weg gehen, wenn man will."
Lilah war ein wenig geschockt. Sie hatte noch keine
Nacht hier geschlafen, und schon sprach er übers aus dem Weg gehen? Leicht
gekränkt sagte sie: "Ich werde dir bestimmt nicht auf die Nerven
fallen."
"Oh, das meinte ich nicht. Aber in den
nächsten Wochen wird es mit der Band hier ganz schön viel Krach geben. Und du
brauchst Ruhe wegen der Gehirnerschütterung", sagte Spike mit fester
Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
"Wenn du meinst", Lilah fügte sich bereitwillig
und genoss das für sie seltsame und vollkommen ungewohnte Gefühl, sich von
einem Mann herumkommandieren zu lassen. Es verschaffte einem so ein hilfloses
Gefühl in den Beinen. Oder zwischen den Beinen...
Sie klärten die Wahl des Schlafzimmers. Lilahs Wahl
fiel auf das mit der lavendelblauen Tapete und den dunkelblauen Vorhängen.
Außerdem gab es einen geräumigen wandbreiten Mahagoni-Kleiderschrank, einen
kleinen runden, möglicherweise antiken Mahagoni-Tisch mit zwei passenden
Stühlen, die Sitze bezogen mit lavendelfarbigem Stoff. Außergewöhnlich
geschmackvoll, musste Lilah denken, und vor allem passte es sehr gut zu ihren
Augen.
Spike musste sich wohl oder übel das andere
Schlafzimmer nehmen, aber er war nicht sehr enttäuscht darüber. Dieses Zimmer
hatte nämlich dunkelrote Tapeten und Vorhänge, und das, was in Lilahs
Schlafzimmer aus Mahagoni war, war in seinem Zimmer aus Kiefernholz.
Männlicher, dachte Spike und musste lachen, weil ihn die Kiefernmöbel stark an
IKEA, das er noch aus Europa kannte, erinnerten.
Sie gingen früh zu Bett. Der Tag war doch recht
anstrengend gewesen.
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Als Lilah am späten Vormittag aufstand – welch ein
Luxus, so lange schlafen zu können – war Spike schon weg. Er hatte Kaffee
gemacht, und irgendwie war sie froh darüber, alleine zu sein. Wenn man jemanden
gerade kennen gelernt hat, ist es auf Dauer stressig, immer mit ihm
zusammenzusein, dachte Lilah, obwohl... Spike würde ihr wohl nie auf die Nerven
fallen. Aber es ist besser, dachte sie weiter, wenn man nicht alles gemeinsam
tut. Immer zusammenhängen ist schlecht. Frauen haben eben so Dinge, die sie
ganz alleine erledigen wollen, sei es Haare färben, Fußnägel lackieren, Beine
enthaaren, Reich und Schön gucken, oder einfach alleine zu sein. Zusammenhängen
ist schlecht.
Sie konnte den Porsche ja gar nicht holen, weil sie
gar nicht autofahren konnte mit ihrem geschienten Arm, fiel ihr ein. Sie konnte
sich auch nicht alleine die Haare waschen, fiel ihr ein, als sie gerade in die
Duschkabine im Badezimmer stieg. Man konnte sich nicht den Schaum aus den
Haaren spülen mit nur einem Arm. Sie sollte Spike um Hilfe bitten.
Dann fiel ihr ein, dass es ja doch ging: die Haare
mit einer Hand einschäumen und dann den Kopf unter die Dusche halten. Es ging
alles, wenn man nur wollte.
Nein, es ging doch nicht. Sie konnte gar nicht
duschen, weil nämlich sonst der Gips um ihren Arm aufgeweicht wäre. Also keine
Haare waschen. Vielleicht doch Spike um Hilfe bitten. Nach einiger Überlegung
ließ sie Badewasser ein, aber so wenig, das die Wanne nur zu einem Drittel
gefüllt war. Das musste gehen. Es ging alles, wenn man nur wollte.
Bis auf die Haare.
Sie hatte sich ein paar bequeme Jeanshemden und
T–Shirts von zuhause mit genommen, zwei Röcke (nach Spikes Ermahnung von wegen
Schwierigkeiten beim An- und Ausziehen) und ein paar sportliche gerade
geschnittene Hosen aus geschmeidigem Stoff, mit schlank machenden Streifen an
den äußeren Beinseiten. Nicht dass sie es nötig gehabt hätte, schlank machende
Streifen zu tragen, Aber diese Hosen standen ihr gut, das wusste sie. Und man
konnte sie bequem mit einer Hand anziehen.
Die Hosen waren jetzt ein bisschen zu lang, aber
das war vollkommen egal. Hauptsache, sie konnte überhaupt noch etwas von ihrer
Kleidung tragen. Vielleicht stimmten ihre Proportionen ja nicht mehr. Auch
egal, sie würde sich neue Sachen kaufen, vielleicht weniger konservative und
strenge Sachen als bisher. Vielleicht konnte sie Spike überreden, sie beim
Einkaufen zu begleiten, und er könnte sie dann beraten. Vielleicht. Nein,
besser nicht, Männer hassten es, mit Frauen einkaufen zu gehen.
Sie goss sich eine Tasse Kaffee ein, taute ein
Croissant in der Mikrowelle auf, es war ein bisschen zu heiß geworden, setzte
sich mit dem Kaffee und dem dampfenden Croissant an den Schreibtisch im großen
Wohnraum und schaltete den Computer ein. XP war drauf, na ja ganz nett...
Bestimmt hatten W&H schon Schnüffelprogramme installiert, das passte zu
denen. Aber sollten die schon groß ausspionieren...
Es war alles ziemlich mühsam mit nur einer Hand.
Sie installierte die Provider-CD, die auf dem Schreibtisch lag, und richtete
nach kurzer Sichtung der Telefonnummer den Internet-Zugang ein.
Passwort, nun, was konnte man nehmen, vielleicht ‚Angel’?
Nein, es musste Spike gefallen. Schließlich hatte sie eine Idee, und sie tippte
ein: ‚undead’. Das würde ihm gefallen, dachte sie lächelnd.
Der Computer besaß nur ein einfaches 56k–Modem.
Primitiv, Lilah verzog das Gesicht, aber es musste
gehen. Sie ging auf die Seite von W&H und gab ihr firmeneigenes Codewort
ein.
"Access denied", war die digitale Antwort
auf ihre digitalen Bemühungen.
Sie versuchte es noch mal – mit dem gleichen
Misserfolg.
"Scheiße!" fluchte Lilah laut. Es war
wirklich wahr. Man hatte sie aus der Welt von W&H entfernt, und zwar
unwiderruflich und endgültig.
Und das Komische an der ganzen Sache war:
Scheißegal! Es war ihr scheißegal! Wie man so im Anwaltsjargon sagt. Sie war
zwar tot gewesen, aber jetzt in ihrem zweiten Leben fühlte sie sich lebendiger
als je zuvor.
Sie ging nach oben in ihr Zimmer und öffnete den
Aktenkoffer. Sie nahm einige CDs heraus und ging wieder nach unten. Sie stellte
die Cds fein säuberlich in das Regal auf dem Computerschreibtisch. Sie musste
ein Lachen unterdrücken. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hatte, würde
sich an einer CD vergreifen, auf der das Datenbank-Programm Access erklärt
wurde. Vor allem nicht, wenn es so unauffällig auffällig präsentiert wurde.
Außer ihr wusste natürlich niemand, dass das
CD-Cover zwar echt war, die CD selber und das Label aber grandios von ihr
gefälscht worden waren und dass sich auf der CD zwar das Lernprogramm für
Access befand, aber in einem versteckten Unterordner befanden sich zusätzliche
recht brisante, und teilweise sogar explosive Daten, welche die Machenschaften
von W&H enthüllten.
Als sie das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte,
ging Lilah unauffällig zur Haustür raus, um dort, wo sie keine Kameras mehr
vermutete, einen Lachanfall zu bekommen.
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Spike zur gleichen Zeit war ziemlich im Stress.
Nachdem er die meisten Mitglieder seiner
zukünftigen Band in der Demon’s Bar aufgegabelt hatte, nur Bronson fehlte, der
bestimmt irgendwo in Essig und Öl nach einer durchzechten Nacht lag, fuhr er
die Resttruppe in ein Musikgeschäft, das Casio ihm empfohlen hatte. Wegen der
Instrumente, Verstärker, Boxen, die sie brauchten,
Der größte Posten war natürlich das Schlagzeug.
Spike schwebte da so ein elektronisches Ding vor, so ein Präzisionselement, das
gut zum Klang der ausgewählten Musikstücke passen würde, und man konnte es
natürlich auch manuell bedienen. Er machte es Snikkers, der eigentlich mehr auf
traditionelle Drums stand, schmackhaft, und... man konnte es leasen. Spike
atmete auf, denn ein Kauf wäre doch verdammt teuer gewesen.
Er hatte sich fest vorgenommen, mit seinem Bargeld
ein wenig hauszuhalten und zahlte deswegen fast alles mit seinen Kreditkarten,
die offenkundig gerne angenommen wurden. Das Bargeld würde irgendwann mal zur
Neige gehen, und er brauchte vielleicht gewisse Reserven. Außerdem hatte der
Van schon ein großes Loch in seine Geldbestände gerissen, genauer gesagt hatte
er jetzt nur noch die Hälfte von dem Geld. Aber der Van war eine gute Geldanlage,
denn immerhin gedachte Spike, sie mit diesen Van bei ihrer ersten Tournee durch
die Lande zu kutschieren. Tournee, Hahahaha...
Nachdem jeder sich was passendes ausgesucht hatte,
bis auf Casio, der besaß selbst schon alles, was er brauchte und bis auf
Bronson, dem sie ob seiner Abwesenheit eine gute Bassgitarre besorgten, machten
sie sich auf den Weg zu Spikes Haus, und zwar doch noch mit Bronson, den sie
auf der Straße vor der Demons’s-Bar aufgabelt hatten.
Leider kamen sie nicht sofort in Spikes Haus an.
Sondern erst einen Tag später.
Weil nämlich Porterhouse mit kundigen Auge während
der Fahrt eine Kneipe erblickte, die direkt hinter dem Supermarkt lag, und zwar
ungefähr zwischen der dicht bevölkerten Stadt hinter ihnen und vor Spikes Haus
im aufgelockerten Umfeld der Stadt, wo sie eigentlich hinwollten...
Das ‚Everybody’!!!
Und dort blieben sie bis in den frühen Morgen.
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Also voilà: das
’Everybody’!!!
Das neue zukünftige Stammlokal der Gruppe, das
‚Everybody’ lag also auf halben Wege zwischen der Stadt und Spikes neuer
Behausung, das wissen wir nun. Es lag, wenn man so will, strategisch sehr
günstig.
Ehemals war es eine Hillbilly-Kneipe gewesen, und
die Einrichtung zeugte noch vom früheren ländlichen Stil, dicke dunkle Balken
an der Decke, Stühle und Tische mit gedrechselten Stuhl/Tischbeinen, üppige
Lampen mit Plüschschirmen und Troddeln. Zwei kapitale brusthoch abgesägte
Baumstämme agierten als Stehtische und waren meistens dicht umlagert von
Leuten.
Musik gab es auch, und zwar fast immer von Roxy
Music, weil der Wirt dafür schwärmte. Der Wirt schwärmte allerdings auch für
Trini Lopez, und zwar bevorzugt für das Stück ‚If I had a hammer’, und das
mehrmals hintereinander.
Es gab aber auch manchmal Musik von den Stones.
Sogar hartgesottene Gäste verfluchten des öfteren den Musikgeschmack des Wirts
und waren froh, wenn er mal nicht da war.
Aber das beste an diesem Laden war die lange Theke,
an der sich die sogenannte Creme von L.A. auf Barhockern herumlümmelte. Noch
weit begehrter als die Barhocker war allerdings die gepolsterte Bank, die
wahrscheinlich aus einem Beichtstuhl stammte und die wie ein Wurmfortsatz die
Reihe der Barhocker abschloss. Wer diesen Platz ergattert hatte, konnte sich
glücklich schätzen.
Das ‚Everybody’, im Volksmund auch kurz E-body
genannt, hatte sich in wenigen Jahren zum Treffpunkt für ALLE (everybody)
gemausert, seien es Studenten, seien es Anwälte, die in der Mittagspause
vorbeikamen, seien es Trinker mit oder ohne Arbeit oder seien es Dämonen (auch
Trinker mit oder ohne Arbeit). Sie alle wurden angezogen von dem einzigartigen
Charme des E-body, und vor allem von seiner einzigartigen Küche.
Man servierte 3 (in Worten drei!) Gerichte, und
zwar die sagenhaft billigen Spagetti, die sogenannten Torties, überbackene
Röhrennudeln, die nicht ganz so billig wie die Spagetti waren, und den
sagenumwobenen Proletenteller, der ein bisschen teuer war als die Torties.
Allgemein wurde die zum Proletenteller gehörende Kräutersoße, die übrigens auch
über die Torties gekippt wurde, von den Stammkunden als ‚Die unendlich
Verlängerte’ bezeichnet, weil Teile von ihr angeblich schon beim
Unabhängigkeitskrieg dabei gewesen waren...
Der Ruhm (ja wirklich Ruhm) des E-body hatte sich
sogar bis in gewisse japanische Touristenkreise herumgesprochen, die ab und zu
L.A. heimsuchten. Manchmal erschienen Delegationen von bis zu 12 Japanern, und
sie bestellten alle, na was wohl?: natürlich Spaghetti. Was die Küchencrew des
E-body (1–2 Studenten) manchmal ganz schön ins Schwitzen brachte.
Hier ein Auszug aus der Speisenkarte, quatsch, es
ist natürlich kein Auszug, sondern die ganze Speisenkarte:
Sie haben schon besser gegessen, aber nicht
hier....
Spaghetti mit fruchtiger Soße,
Parmesankäse soviel sie wollen $ 1,50
Feinschmecker essen anderswo....
Torties, Röhrennudeln mit Schinken und
Tomaten in würziger Kräutersoße
mit Käse überbacken $
2,50
Wer hier isst, ist selber schuld....
Proletenteller, ein saftiges Schweinesteak
mit würziger Kräutersoße und Pommes
und garantiert ohne Vitamine $ 4,00
Das Everybody, wo Frische ein Fremdwort ist....
Guten Appetit!
Der Wirt, ein etwa 45 Jahre alter ehemaliger Koch und
Säufer hatte den Laden fest im Griff und manchmal im Würgegriff.
Er bevorzugte niemanden, auch nicht Leute, die
wirklich gute Kunden (Säufer) waren.
Als ehemaliger Alkoholiker hatte er natürlich nicht
den Idealjob als Kneipenbesitzer inne, er war immer haarscharf am Rande des
Rückfalls zum Saufen, und eine unbedachte Minute konnte ihn alles kosten. Er
hatte es einmal fast erlebt. Das E-body war damals fast pleite gegangen, nur
weil Karel, so hieß er, für einen FREUND-IN-NOT Eigentumswohnungen gekauft hatte,
um ihn aus finanzieller Misere zu retten, und dann natürlich auf den weit über
Wert erworbenen Immobilien sitzen blieb, weil der FREUND-IN-NOT sich in der
Zwischenzeit verflüchtigt hatte.
"Die guten Taten bereut man viel mehr als die
schlechten", war seitdem Karels Motto – solange er nüchtern blieb...
Oder als Karel sich im Delirium entschloss, die
Küche im E-body zu schließen, denn zur Not würde er mit zwei Getränken, nämlich
Bier und Kaffee die Leute anziehen können – was natürlich fürchterlich in die
Hose ging. Die Leute kamen nicht mehr, weil sie Karels Konzept einfach nicht
verstanden. Diese Ignoranten, wie Karel sagte.
Gott sei Dank kriegte Karel den Dreh noch mal, zog
sich aus seinem Alkoholsumpf heraus und machte die Küche und die Schnapsflaschen
wieder auf. Uffff!
In dieses Etablissement also führte Porterhouse die
Jungs.
Spike schaute sich neugierig um. Gründlich
begutachtete er den großen Raum mit der langen Theke zur Rechten, die
abgesägten Baumstämme in der Mitte und die auf einem langen Podest stehenden
Tischgruppen zur Linken. Er musste natürlich lachen über die Troddeln an den
Lampen, erinnerten ihn irgendwie an einen englischen Pub.
Er hörte lautes Gepolter und sah, er traute seinen
Augen kaum, einen Kicker-Automaten, der etwas versteckt in einer Nische rechts
von der Eingangstür, stand, er hatte ihn beim Reinkommen gar nicht bemerkt.
Solch einen Kicker-Automaten hatte er zuletzt in New York gesehen, und er war
natürlich, wie auch anders, besetzt. Von vier Typen, die sich die Bälle um die
Ohren hauten. Spike hatte eine Vision, nämlich dass er hier viele kurzweilige
kickende Stunden verbringen würde.
Dem Himmel sei Dank war genug Platz an der Theke,
und man machte es sich bequem. Spike hatte sich die Bank ausgesucht, und ließ
sich aufseufzend in die Polsterung fallen. Die Polsterung war aber härter als
erwartet.
"Rutsch rein", sagte Snikkers zu ihm und
setzte sich neben ihn. Es handelte sich nämlich um eine Zwei-Personen-Bank.
"Pils?" fragte der mittelgroße hagere
Mann hinter der Theke, der sich an einer Zapfanlage zu schaffen machte.
"Ihr habt Pils?" fragte Spike ungläubig
zurück.
"Pilsener Urquell", war die lakonische
Antwort .
"Ich muss im Himmel sein." Spike war
total überrascht, denn in so einem Laden hätte er höchstens Lagerbier aus der
Plastikflasche erwartet, oder vielleicht noch Schlimmeres wie zum Beispiel
biergefüllte Plastikbecher mit Deckeln zum Abreißen. Nach guter amerikanischer
Art eben.
"Bitte ein Großes", verlangte er nach
Gerstensaft sabbernd.
"Wir haben nur Große!"
"Das ist recht", meinte Spike äußerst
zufrieden, während der Mann hinter der Theke in Windeseile fünf Gläser mit Bier
voll zapfte. Und das ging recht flott, weil er schon einen Vorrat an
viertelvoll gezapften Gläsern angelegt hatte. Und dieser Vorrat wurde sofort wieder
ergänzt, denn der Dienst am Kunden, vor allem der schnelle Dienst am Kunden,
war Karels erklärtes Motto.
Allmählich soff man sich so ein.
Karel, ein sehr aufmerksamer Wirt, stellte unaufgefordert
jedem sofort ein neues volles Glas hin, wenn das alte nur noch ein Pfützchen
(mehr oder weniger groß) beinhaltete, und seine Gäste sahen das nicht als
Belästigung oder Geschäftemacherei an, sondern als EinsA Service. Was es ja
auch wirklich war.
Kurz gesagt, es war fantastisch!
Als die Kickerspieler endlich verschwanden, was die
Jungs schon sehnsüchtig erwartet hatten, machten Spike und Snikkers gegen Casio
und Bronson ein Spielchen. Casio wurde ermahnt, seinen dritten, zwar kleinen
Arm, aber immerhin Arm nicht zu seinem Vorteil einzusetzen, worauf er giftig
wurde und behauptete, so etwas würde er nie tun.
Porterhouse hatte unterdessen eine schlampige
Punk-Tussie angemacht, verschwand mit ihr nach draußen und erschien volle zehn
Minuten später wieder mit befriedigtem Ausdruck im Gesicht. Die Perle kam kurz
nach ihm wieder rein, stellte sich neben ihn und versuchte wohl, ein Gespräch
mit ihm anzufangen. Porterhouse missachtete das aber gründlich und tat so, als
wäre gar keine Perle da.
"Er macht’s gern auf die Schnelle",
erzählte Bronson seinen grinsenden Mitspielern und schlenzte just in diesem
Augenblick, als Spike und Snikkers etwas abgelenkt waren, den Ball in ihr Tor.
Ausgleich.
Spike und Snikkers gewannen trotzdem, zwar knapp
6:5, aber gewonnen war gewonnen
"REVANCHE!!!"
Als sie um drei Uhr vom Wirt rausgeworfen wurden,
hatte Spike den wohl lustigsten Saufabend seit langem verbracht, und Bronson
hatte endlich einen Job gefunden. Er durfte nämlich vier Tage in der Woche im
E-body Thekendienst machen, und zwar von elf Uhr morgens bis fünf Uhr
nachmittags. Danach würde Karel erscheinen und den Abenddienst übernehmen.
Karel wollte nämlich ein bisschen mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, die er
vor fünf Jahren im Urlaub in Schweden kennen gelernt hatte und die er auf der
Stelle geheiratet und mit in die Staaten genommen hatte.
Spike ließ den Van stehen und machte sich zu Fuß
auf den Weg nach Hause – er hatte nämlich vor, ein verantwortungsvoller Bürger
zu werden. Der Gedanke brachte ihn zum Kichern, nun denn, er war halt besoffen.
Er brauchte eine halbe Stunde, und die kühle Nachtluft ernüchterte ihn ein
bisschen, aber wirklich nur ein bisschen.
Die anderen hatten ein Taxi genommen.
Lilah hörte ihn, als er nach Hause kam und
geräuschvoll im Badezimmer irgend etwas machte. Lilah hatte während des Tages
und während der halben Nacht, bevor sie in einen unruhigen Schlaf fiel,
ziemlich viel ‚Frauensachen’ gemacht, so was wie: Fußnägel lackieren, Beine
enthaaren, ‚Reich und Schön’ gucken, oder einfach alleine zu sein.
Zusammenhängen ist nämlich schlecht, wenn man
jemanden gerade kennen gelernt, und es ist auf Dauer stressig, immer mit ihm
zusammen zu sein....
Aber auf Dauer war es genauso stressig, wenn
derjenige, den man gerade kennen gelernt hatte, sich überhaupt nicht blicken
ließ...
Als sie ihn hörte, war sie allerdings beruhigt und
fiel in einen tiefen Schlaf.
Ende
Teil 5
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Teil
6
Als Spike am gleichen Tag so um die Mittagszeit mit leicht verquollenen Augen die Treppe herunterkam, lag schon ein erschreckendes Erlebnis hinter ihm. Er hatte, als er nach Hause gekommen war, ausnahmsweise nicht die Vorhänge in seinem Zimmer zugezogen, und als um circa 11 Uhr ein dicker Sonnenstrahl auf seinem Gesicht landete und ihn weckte, war er sofort in Panik verfallen. Er hatte doch tatsächlich gedacht – nein zum Denken war es zu schnell gegangen – also er hatte nicht gedacht, sondern instinktive Angst hatte er gehabt, Angst, zu Staub zu verbrennen.
Über einhundertzwanzig Jahre hatten seine Instinkte
trainiert.
Und so war er blitzschnell aus dem Bett gehechtet,
um sich an der sonnenabgewandten Seite des Bettes vor der Sonne zu schützen.
Bis ihm dann bewusst wurde, dass die Sonne ihm ja
gar nicht mehr schaden konnte. Auweia...
Er sah Lilah am Computer sitzen.
"Hallo", sagte er ein wenig verhalten.
"Hab ich irgendwie Theater gemacht heute Nacht?"
"Nein, ich hab nichts gehört." Das
entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber er musste ja nicht wissen, dass
sie den ganzen Abend und die halbe Nacht auf seine Rückkehr gewartet hatte.
"Moment mal, vorhin habe ich ein seltsames
Geräusch gehört. Das klang wie ein Rumsen."
"Ich glaube, ich hab’ heute nacht geträumt,
ich wäre wieder ein Vampir", erzählte Spike heiter, zumindest machte es
einen heiteren Eindruck, "und als ich aufgewacht bin, da bin ich doch
glatt aus dem Bett gesprungen", erzählte er weiter, und seine Heiterkeit
verwandelte sich in Lachen, das allerdings ein bisschen hysterisch überdreht
klang.
"Das verstehe ich nicht", sagte Lilah
ratlos.
"Die böse Sonne..."
Jetzt musste Lilah auch lachen.
"Lach nicht! Was meinst du, wie oft ich früher
in irgendwelche Gullys oder Abwasser-Kanäle gesprungen bin!"
Jetzt musste Lilah fast hysterisch lachen – mit
Spike zusammen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich vollständig beruhigt
hatten, denn die Vorstellung von einem in einen Abwasser-Kanal hechtenden
Spike, war für beide absolut komisch.
"Meine Güte. Ich krieg überhaupt keine Luft
mehr", Spike hatte sich endlich beruhigt nach fünf Minuten des Lachens
"Die Jungs werden nachher kommen", er nahm sich eine Tasse und goss
Kaffee hinein, den Lilah diesmal gemacht hatte, was sehr schwierig mit dem
Gipsarm gewesen war. "Das Schlagzeug müsste heute geliefert werden. Es ist
doch heute, oder?"
"Nichts spricht dagegen."
"Gut. also diesen Laden, wo wir gestern waren,
den musst du unbedingt kennen lernen, da kann man wirklich so sein wie man ist.
Da verkehrt alles, alte Leute, junge Leute, beknackte, schwer
beknackte...", Spikes Stimme stockte ein wenig, bevor er weitersprach:
"Du wirst natürlich was anderes gewohnt sein."
"Oh ja, in Bars rumhängen, um jemanden für die
Nacht aufzureißen", Lilahs Stimme klang bitter, "das ist wirklich was
anderes."
"Dort könntest du bestimmt auch was aufreißen,
allerdings nicht für eine Nacht, sondern nur für ein paar Minuten." Spike
musste lachen. "Wie Porterhouse gestern."
"Ich will aber nichts aufreißen. Zumindest im
Moment nicht. Ich will, oh sorry, ich möchte, dass du mir die Haare
wäscht", Lilah wirkte ein wenig verlegen, "weil ich es nicht alleine
kann. Mit dem Arm... vielmehr ohne den Arm."
"Ich kann dir auch gerne den Kopf waschen,
wenn du willst", grinste Spike. "Na denn mal los, lass uns ins
Badezimmer gehen."
Lilah musste sich auf Spikes Geheiß vor die
Badewanne knien und ihren Kopf darüber hängen, was ihr irgendwie erregend
pervers erschien, dann brauste er ihr Haar ab, gab Shampoo dazu; massierte es
in ihr Haar ein und massierte dann sorgfältig ihre Kopfhaut, bis sie dachte,
ihre Schläfen würden so stark pochen, dass er es spüren könnte.
Sorgfältig spülte er ihr langes Haar mit lauwarmen
Wasser ab – bis es schließlich fast vor Sauberkeit quietschte.
Lilah seufzte vor Wohlbehagen.
Er nahm ein großes Handtuch, schlang es um ihren
Kopf und zog sie vorsichtig hoch.
"Wie geht es deinem Arm?"
"Er tut nicht weh, wenn du das meinst, aber es
ist verdammt noch mal so unbequem, alles mit dem linken zu machen. Manchmal
könnte ich schreien vor Hilflosigkeit."
"Dann geh in den Keller. Der ist schalldicht!"
Lilah stöhnte leise, als er ihr Haar sanft mit
einem anderen Handtuch trockenrieb. Dann nahm er einen großzahnigen Kamm und
kämmte sie vorsichtig. Es ziepte kein bisschen.
"Nimmst du irgendwas? Gel, Haarwasser oder was
anderes?"
"Nein, heute nicht. Ich lasse sie einfach so
trocknen. Es soll ja nicht in Arbeit für dich ausarten", sagte Lilah
gnädig. "Außerdem komme ich bestimmt noch öfter auf dich zu, von wegen
Haare waschen, und ich möchte dich nicht vergraulen."
"Ich lass mich nicht so schnell
vergraulen", Spike knetete ihre Locken ein wenig durch, guckte sie
zufrieden an und meinte: "Die Jungs werden ganz schön blöd gucken, wenn
sie dich hier sehen."
"Wie meinst du das?"
"Nun, ich meine", sagte Spike
selbstbewusst, "dass mein Ansehen bei ihnen in die Höhe steigen wird, wenn
sie dich erblicken, Baby."
"Als ob du das nötig hättest..."
"Da hast du recht. Aber es ist ...nett!"
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Die Jungs trafen nachmittags nacheinander ein. Nach
dem Schlagzeug und dem Rest des Equipments, das kurz vorher geliefert wurde.
Als erster erschien Bronson, stolzgeschwellt, weil
er den Job im E-Body ergattert hatte. Dieser Job war das beste, was er seit
langen bekommen hatte.
"Spike, Junge", sagte er eindringlich,
"du hast aber eine nette kleine Hütte hier", und mit einem
bewunderndem Seitenblick auf Lilah fuhr er fort, "und die ist ja sogar
schon komplett eingerichtet."
Lilah musste lachen. Er war so aufrichtig und
harmlos, dass sie ihn gernhaben musste.
"Der Schweinehund hat vielleicht ein
Glück...", Bronson küsste ihr höflich die Hand nach osteuropäischer Manier
und sagte resignierend: "Na ja, manche haben es, und manche haben es eben
nicht."
"Komm, wir gehen runter", meinte Spike
entschlossen, lotste Bronson vorsichtig die Treppe zum Keller hinunter, zeigte
ihm den vollen (mit Dosenbier gefüllten) Kühlschrank, das Kellerklo und ging
dann wieder hinauf zu Lilah.
"Was meinst du?"
"Er ist nett", sagte Lilah, "aber
auf stilvolle Kleidungsstücke legt er wohl keinen Wert."
"Er hat einfach kein Geld dafür. Manchmal
glaube ich, er holt sich die Sachen aus der Altkleidersammlung."
"Hhmm, da könnte man was machen", meinte
Lilah versonnen.
Als nächster erschien Casio mit einer gutgefüllten
Plastiktüte. Er war wohl mit Snikkers gekommen, aber Snikkers trödelte noch
draußen bei einem Taxi herum, dessen Fahrer er wohl war. Snikkers war also
Taxifahrer? Ja tatsächlich, denn Snikkers brauchte Geld.
Casios erster Blick fiel auf den Computer, er
inspizierte ihn gründlich und sagte dann: "Den brauchen wir unbedingt, um
das hier zu digitalisieren." Sein Finger zeigte auf die gutgefüllte
Plastiktüte,
"Im Keller ist auch ein Computer", meinte
Lilah.
Spike guckte ein wenig verständnislos.
"Du willst", sagte Lilah, die Casio sofort
verstand und automatisch zum Du überging, "alte Kassetten oder
Schallplatten digitalisieren?"
"Hey, du bist echt drauf! Die meisten Leute
wissen ja noch nicht mal, was Schallplatten überhaupt sind..."
"Oh, ich weiß es. Kennst du dich auch im Netz
aus?" Damit meinte Lilah eigentlich Hacker-Programme, aber sie wollte das
nicht so deutlich sagen.
"Kommt drauf an", Casio zierte sich ein
wenig, "was du machen willst."
"Ich komm irgendwann mal auf dich zu."
Auch Casio wurde in den Keller geleitet.
"Der ist in Ordnung", meinte Lilah leise
zu Spike. Schon wieder klingelte es. Snikkers hatte sich endlich entschlossen,
hereinzukommen und schaute sich im Wohnraum um.
"Hübsch hier", meinte er zurückhaltend.
"Darf ich dir Snikkers vorstellen",
wandte sich Spike an Lilah. "Snikkers ist eine Art Halbgott, er stammt
nämlich von Hermes, dem geflügelten Götterboten ab."
"Ein Gott!" Lilah war geschockt.
"Halbgott, Halbgott meine Liebe", meinte
Spike spöttisch, "so einer wie Herakles, besser bekannt ist als Herkules.
Kevin Sorbo..."
"Das einzig Göttliche an mir ist meine
ausgesprochene Langlebigkeit und diese Flügelchen an meinen Füßen"
erwähnte Snikkers und deutete auf seine Fersen, wo wirklich kleine nach oben
geklappte Flügelchen zu sehen waren.
"Oh, das ist wirklich... beeindruckend",
sagte Lilah, "das sieht ja aus wie äääh ...Sandalen mit gekreuzten Bändern
hinten. Eigentlich nur wie die gekreuzten Bänder. Haben die auch einen
praktischen Nutzen?"
"Ich kann einen halben Meter hoch schweben.
Das ist aber kein wirklich praktischer Nutzen. Und ich kann sie als Sporn
verwenden, was manchmal ganz nützlich ist." Snikkers deutete auf einen
harten Kiel, den er aus seinem rechten Flügelchen ausfuhr.
Lilah war beeindruckt. Zwar nicht von seiner
Wehrhaftigkeit , sondern vielmehr von seiner Ausdrucksweise, die ihn als sehr
gebildeten... äääh Halbgott auswies.
Porterhouse erschien und wandte sich direkt an
Spike: "Warst du schon mal im Cops?" Porterhouse missachtete das Weib
vollkommen.
"Nein", sagte Spike.
"Das wird dir gefallen", sagte
Porterhouse. Und Spike verschwand mit ihm im Keller.
Lilah blieb noch eine Weile im Wohnzimmer vor dem
Computer sitzen. Der Keller war nicht wirklich schalldicht, zumindest durch die
Kellertüre hörte man diverse Geräusche. Flüche, ein lautes Rumpeln, ein
hirnerweichendes gnadenloses Quietschen, als sie den Verstärker ausprobierten,
weitere Flüche, das erste allerdings sehr verhalten Hämmern eines Schlagzeuges,
und der Hauch einer kleinen zirpenden Orgel, die sich auf einmal, vom Klang her
natürlich nur, in ein Klavier verwandelte. Casio, der Meister der digitalen
Musik ging zur Sache.
Weiterhin war nicht viel zu hören, nur ab und zu
Fragmente von Stücken, die Lilah vollkommen unbekannt waren. Einmal meinte sie,
Spike singen zu hören, aber das konnte auch von einer CD stammen.
Schließlich war’s ihr dann doch zu laut und zu
langweilig. Man brauchte sie anscheinend nicht. Die im Keller waren autark
eingerichtet – sie hatten einen eigenen Kühlschrank, wohlgefüllt mit Dosenbier,
ihre eigene Bar und ihren eigenen Fitness-Raum und sogar ein eigenes Klo. Lilah
schnappte sich eine TV-Zeitschrift und verzog sich in ihr Zimmer, um dort zu
fernsehen. Und man hörte dort absolut nichts von unten.
Als sie vier Stunden später wieder nach unten ging,
um die Lage zu absolvieren, hörte sie doch wirklich richtige Musik. Wenn man
Punk als richtige Musik bezeichnen konnte.
Es erklang eine Art Gladiatorenmarsch mit Fanfaren
geblasen, wie aus einem dieser billig produzierten italienischen
Sandalen-Filme, wo die Könige aussahen wie Bodybuilder, die vor Kraft kaum
laufen konnten und die Herrscher waren über ein sogenanntes Königreich, das
nicht größer und besser war als ein verfallenes Dorf in Rumänien – und die Dame
ihres Herzens war eine vollbusige hochtoupierte Frau, die aussah, als wäre sie
Anfang vierzig. Und sie wurden allesamt unter Fanfarenklängen den Löwen zum
Fraß vorgeworfen.
Dann Schlagzeug mit einem undefinierbaren weichen
Instrument, der Rhythmus blieb gleichmäßig spannend, dumpf vor sich
hinblubbernd, wurde dann ein bisschen schneller, pochend, eine Gitarre gab
schräge Töne von sich, weiterhin blubbernder Rhythmus, mit einem
undefinierbaren weichen Instrument, dass jetzt in höhere Tonlagen vorging. Dann
plötzlich vereinten sich alle Instrumente und spielten stärker auf. Dumpfer
Rhythmus, aggressive Gitarre, erwartungsvoll irgendwie und schräg. Ein
Trommelwirbel, und dann ging es richtig los, die Gitarre, bis jetzt gebändigt,
spielte voll auf und das Schlagzeug sowieso.
Dann sang jemand im schrecklichsten Cockney-Dialekt:
If yourrr body's feelin' bad
and it's the only one you have
you want to take away the pain
go out walkin' inda rrrain
You watch the flowers go to bed
ask the man inside yourrr head
Your spirit never has to grrrieve
all ya got to do's believe.
The faith healer
The faith healer
Can I put my
hands on you
Can I put my
hands on you…
Es
musste Spike sein, der da so fürchterlich mit rollendem Rrrrr sang, aber er
konnte es, und es hörte sich gut an.
Lila
ging wieder zurück in ihr Schlafzimmer und hörte immer noch leise den Refrain:
Can I put my hands on you
Can I put my hands on you…
Hörte
sie es wirklich oder bildete sie es sich nur ein.
War
das eine Frage oder bildete sie es sich nur ein.
Can I put my hands on you?
***********************************************************
Die nächsten Tage waren voll mit Proben ausgefüllt.
Irgendeiner schien immer im Keller herumzuhängen, dachte Lilah.
Sie sah Spike immer nur flüchtig. Sie wollte auch nicht
stören und verschwand sofort nach oben in ihr Schlafzimmer, wenn einer der
Jungs erschien und heiß aufs Musikmachen war.
Sie wollte Spike auch nicht fragen, ob er ihr
wieder die Haare waschen oder gar ihre Fingernägel feilen und lackieren würde,
sondern hatte sich entschieden, eine Maniküre ins Haus, beziehungsweise in ihr
Schlafzimmer kommen zu lassen. Die Maniküre, die gleichzeitig auch Frisörin
war, besorgte es Lilah nun...
Während dieser wilden lauten Tage ließen die Boys
sich des öfteren Essen anliefern, Chinesisches oder Pizza. Wenn die Ladung
eingetroffen war, rief man lautstark nach Lilah, sie solle runterkommen zum
Essen. Was sie auch fast immer tat...
Alle drei Tage fuhr Spike mit ihr oder einem der
Jungs zum Supermarkt, um ihre Vorräte aufzufrischen, vor allem das Dosenbier...
Manchmal kochte Bronson spätabends für alle. Er
konnte auf dem Gasherd wunderbare Steaks zubereiten. Dazu reichte er Baguettes,
Salat und Kräuterbutter...
Lilah rief ihre Putzfrau an – welche recht erstaunt
war, nach über drei Monaten wieder etwas von ihr zu hören – und ließ sie
vorbeikommen, um die Schweinereien im Haus zu beseitigen. Die Jungs waren ja
wirklich nett, aber der Proberaum und auch das Klo im Keller, beide würden sich
bestimmt nicht von selber saubermachen...
Geraucht werden durfte nur noch im Keller,
verkündete Spike zwei Tage nach Anfang der Proben genervt. Danach wurde die
Luft im Wohnraum merklich besser.
Es war eine irre Zeit, provisorisch wie bei einer
Wohnungsrenovierung, aber irre lebendig, wie Lilah fand.
Manchmal verschwanden die Jungs abends. Man fragte
Lilah nicht, ob sie mitkommen wollte. Auch Spike fragte Lilah nicht, ob sie
mitkommen wollte. Sie war auch nicht böse. dass man sie nicht fragte, ob sie
mitkommen wollte – sie wusste, irgendwann würde sie mitkommen.
Nach vierzehn Tagen war das Gröbste erledigt. Casio
hatte für jeden eine CD gebrannt, auf der die Stücke waren, die sie spielen
wollten. So konnte jeder auch ohne die anderen zu Hause oder sonst wo üben.
Ende Teil 6 GONE
WITH THE DEATH? © Ingrid Grote 2003