GONE WITH THE DEATH?

 

Teil 17

 

Der Eingang zum Höllenschlund, abgekürzt HS, befindet sich dicht an der Stadtgrenze, besser gesagt Kleinstadtgrenze von Woodcape in einem Kellergewölbe, das ehemals eine Grabstätte war. Das ganze Gelände war früher einmal ein Friedhof, der in den zwanziger Jahren eingeebnet wurde, um Einfamilienhäuser darauf zu bauen. Die Lage am See war zu verlockend.

Gab es nicht schon mal einen Gruselfilm darüber?

Jedenfalls wurde durch die Buddelei etwas aufgeweckt, was besser nicht aufgeweckt werden sollte, und schon bei den Bauarbeiten passierten seltsame Unfälle. Arbeiter wurden verstümmelt, getötet oder verschwanden einfach. Schließlich wurden die Bauarbeiten eingestellt, weil alle potentiellen Hauskäufer mittlerweile einen Rückzieher gemacht hatten.

Jetzt stehen dort nur noch unvollendete Neubauruinen. Allerdings spukt es dort weiter auf ziemlich üble Art, und das Gelände wird von den Eingeborenen gemieden.

Buffy war nur in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft in Woodcape dort tätig gewesen, dann allerdings, als ihre Schwangerschaft fortschritt, blieb sie zu Hause und verließ sich auf Kennedy und die anderen Mädels, die mittlerweile die Kräfte und die Erfahrung hatten, die für diesen Job erforderlich waren.

Und die Mädels erledigten ihren Job gut, so gut, dass Buffy sich fast schon überflüssig vorkam. Aber hinterher war sie froh, dass sie sich nun ausschließlich ihrem Kind widmen konnte. Die jungen Jägerinnen, bis auf Kennedy, verschwanden nach und nach, sie fuhren zu anderen Brennpunkten des Bösen, und in Woodcape blieb es ruhig.

 

Beim Frisör liest Buffy durch einen blöden Zufall die paar Zeilen über Spikes Heirat in einem schon wochenalten Prominentenblättchen.

In Ermangelung aktueller Hochzeitsfotos hatte das Blättchen die Strandaufnahmen des Paares aus dem Sommer abgedruckt.

Buffy ist wie versteinert und sehr frustriert.

Der Wächter Parkinson, oder besser gesagt der Exwächter Parkinson, denn die ehemaligen Wächter waren jetzt arbeitslos, weil der Rat der Wächter nicht mehr existierte, bekundete eindeutig sein Interesse an Buffy Anne Summers.

Sie passten aber auch so gut zusammen!

Er war im Besitz der Wächtertagebücher, er kannte sich mit Jägerinnen aus, und er war nicht so ein alter Sack wie Giles, der mehr eine Vaterfigur für Buffy gewesen war, sondern ein circa dreißigjähriger attraktiver smarter Kerl, der sich anscheinend mit Frauen auskannte. Vielleicht ein bisschen zu sehr mit Frauen auskannte.

Aber das war Buffy egal, sie konnte endlich mal wieder ihren Charme einsetzen, um einen Mann, genauer gesagt einen menschlichen Mann zu becircen. Nicht einen, der den Boxerkrieg miterlebt hatte. Nicht, dass sie den jemals becircen musste oder wollte. Bescheuerter Exvampir!

Sie rannte bei Parkinson mit ihrem Charme offene Türen ein.

Sie unterhielten sich über die Pflichten einer Jägerin und die Pflichten eines Wächters, und er meinte, sie würden großartig zusammenpassen.

Und Buffy stimmte ihm zu, dass sie großartig zusammen passen würden. Er lud sie in ein teures Restaurant ein und machte ihr Komplimente.

Sie rannte bei ihm mit ihrem Charme ohne Anstrengung offene Türen ein.

Oh wirklich. Eine optimale Verbindung!

 

Das Blöde an der Sache war, wie Buffy nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht feststellen musste, dass sie weder die wunderbare Liebe empfunden hatte, die sie damals mit Angel verbunden hatte, noch die alles verzehrende Leidenschaft, die sie mit Spike geteilt hatte, sondern... ja, eigentlich gar nichts. Irgend etwas stimmte da nicht, aber was?

Sie hatte nichts empfunden, abgesehen von der mechanischen Lust, die er ihr bereitet hatte, und sogar die war ihr peinlich gewesen.

Denn Parkinson war ihr so entsetzlich fremd. Dabei konnte das doch gar nicht sein. Er war doch früher Wächter gewesen.

Thomas Parkinson hatte anscheinend nichts von ihren fehlenden Gefühlen oder ihren Zweifeln bemerkt, denn er zeigte sich überaus glücklich über ihre Verbindung und bat sie nach einer Woche, während sie vieles gemeinsam taten, unter anderem schliefen sie mehrmals zusammen, aber nie in Buffys Zimmer sondern immer nur in seinem Hotel, um ihre Hand. Ein Heiratsantrag tatsächlich.

Buffy empfand immer noch nichts.

Es sollte alles prächtig sein, er wollte sie heiraten, aber sie fühlte Leere.

Da hatte sie ja mehr Gefühle, als sie mit dem seelenlosen Vampir Spike schlief. Warum nur war das alles so fade. Warum war es nicht so großartig, wie es sich gehörte?

Das wurde ihr allmählich zu dumm.

Er ist ein guter Mann, redete sie sich zu, und wir passen optimal zusammen. Er ist ein guter Liebhaber, natürlich nicht mit Spike zu vergleichen, obwohl der auch nur mit Wasser kochen kann, aber mit Spike war es eben anders, gewaltig, gemein und obszön, ...aber gewaltig. Wieso denke ich dauernd an Spike. An einen verheirateten Mann! Dabei habe ich doch hier den besten, den ich bekommen kann. Er ist aufmerksam, charmant und einfühlsam. Und er liebt Morgan.

 

Noch blöder an der Sache war, Parkinson liebte zwar – zumindest tat er so – Morgan, Buffys größten Schatz, aber Morgan liebte Parkinson nicht.

Morgan fing an zu schreien, sobald Parkinson das Zimmer betrat. Und wenn er versuchte, sie mit seinem Charme einzunehmen, der bei ihrer Mutter vielleicht wirken mochte, fing Morgan an, hysterisch an zu brüllen, falls eine Steigerung des Schreiens überhaupt noch möglich war. Also, mit klein Morgan kam er überhaupt nicht zurecht.

Dabei versuchte er doch alles, wie Buffy feststellen musste. Manchmal ging er heimlich in das Kinderzimmer, beobachtete Morgan, und wenn sie wach wurde, versuchte er sie mit Worten zu beruhigen, denn Morgan fing sofort an zu brüllen, wenn sie ihn sah. Und dann hörte sie so schnell nicht wieder auf mit dem Brüllen, und das war für alle Anwesenden ziemlich peinlich.

Seltsamerweise kam Parkinson auch nicht mit Dawn zurecht, die ihn zuerst wirklich attraktiv – für einen alten Kerl mit dreißig – gefunden hatte, aber dann auf einmal aus unerklärlichen Gründen umgeschwenkt war und ihn behandelte, als wäre er gar nicht da. Eine schimpfliche Erfahrung für ihn.

Buffy allerdings mit ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz in Bezug auf Männer in ihrem Leben, hielt ihm zugute, dass er nicht verduftet war wie alle anderen Männer in ihrem Leben. Und das war doch schließlich etwas. Oder?

Trotz all dieser seiner Vorzüge nahm Buffy seinen Antrag noch nicht an. Sie redete sich bei ihm heraus, sie müssten sich noch näher kennen lernen, bevor man solch einen wichtigen Schritt wagen könnte.

Aber das Verhältnis stagnierte, sie lernten sich einfach nicht näher kennen. Und das war schon seltsam bei all diesen guten Voraussetzungen.

 

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Etwa zur gleichen Zeit wurde der Sohn von Spike und Lilah geboren.

Nach alter Familientradition wurde er Gwydion genannt. Es war eine schwere Geburt, denn er kam drei Wochen zu früh.

Man legte den kleinen Gwydion für drei Tage in einen Brutkasten. Lilah hatte so viel Blut verloren, dass sie fast gestorben wäre, und es ging ihr immer noch nicht gut.

Spike, der Tag und Nacht an ihrem Bett saß, hielt ihre Hand und versuchte, ihr Kraft einzuflößen und ihre Schmerzen auf sich umzuleiten.

Gwydion schien ein zähes Kerlchen zu sein, denn er erholte sich schneller von der Geburt als seine Mutter.

"Er kommt nach mir" sagte Spike bewundernd, beugte sich über seinen Sohn, berührte zart seine runde Stirn und streichelte seinen dunklen Haarflaum. Die Haarfarbe hatte er, wenn er sie denn behalten würde, von seiner Mutter, aber der Rest war Spike-like.

Nach zehn Tagen konnte Spike endlich Lilah und Gwydion nach Hause holen. Lilah war immer noch schwach, sie war immer noch verletzt von der Geburt, aber sie war unendlich froh, zu Hause zu sein, und sie konnte Gwydion stillen, denn sie hatte Muttermilch.

Lilah stillte Gwydion. Um den Rest kümmerte sich Spike.

 

Nach zwei Wochen hatte sich Lilah so weit erholt, dass sie aufstehen konnte.

Die Jungs kamen zu Besuch, und bewunderten den Kleinen. Er war so lieb und so hübsch und hat trotz seiner Winzigkeit schon Charakter, wie es scheint, und das ist wirklich unfassbar.

Natürlich hat er Schreiphasen wie jedes Baby, aber er verströmt etwas Undefinierbares, jeder in seiner Nähe lässt auf einmal nur noch gute Gefühle zu!?! Unglaublich das.

Es war zuerst gar nicht aufgefallen, bis Porterhouse sich immer öfter in Gwydions Nähe, das heißt in der Nähe seines Bettchens aufhielt und immer freundlicher wurde. Lilah wusste, dass er gegen die Heirat von ihr und Spike gewesen war, nicht weil er etwas gegen sie, Lilah hatte, sondern weil er generell die Ehe als spießbürgerliche Institution ablehnte. Auch bei der Hochzeitsfeier war er nicht sehr freundlich gewesen, hatte sich aber beherrscht in seiner Abneigung gegen diese eklige Konvention. Jetzt auf einmal in Gwydions Nähe veränderte sich sein Verhalten. Lilah dachte zunächst, es wäre der Einfluss der geschenkten Fliegerjacke, die ihn freundlicher gegen sie machte, andererseits trug er die Jacke schon lange – bis sie endlich feststelle, er badete tatsächlich in der friedlichen Aura des Kindes.

Gwydion war wirklich ein Wunder.

Spike war sich von Anfang an nicht zu schade, gewisse Drecksarbeiten wie Windelwechseln zu erledigen. Babybaden und Babyfüttern dagegen waren für ihn das reinste Zuckerschlecken.

Spike wollte von Anfang an nicht der immer abwesende arbeitende Vater sein, während die Mutter die Drecksarbeiten erledigte. Er wollte seinen Sohn fühlen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und er wollte Lilah entlasten. Sie sollte keine gestresste Mutter sein sondern eine glückliche. Und sie sollte eine glückliche Frau sein.

 

Lilah war glücklich.

Gwydion war so süß, er war objektiv süß und hübsch, manche Mütter sahen ihr Kind in einem verklärenden Licht, aber Lilah wusste es, Gwydion war das Kind überhaupt, Gwydion war ihr Kind.

Und den Vater ihres Kindes liebte sie über alles. Und natürlich Gwydion, ihr gemeinsames Kind.

Manchmal wenn Gwydion an ihrer Brust lag und trank, dann schien ihr Glück keine Grenzen zu kennen, bis dann Spike hinzukam und sie ansah, zuerst bewundernd und andächtig – sie sah seiner Meinung aus wie eine Madonna mit Kind, und sie verkörperte das Urweibliche – dann begehrend. Und wenn Gwydion fertig getrunken hatte, dann hob er ihre Brüste an und streichelte sie, was sie jedes Mal entzückte. Gwydion im Arm zu halten und sie selbst von Spike im Arm gehalten und gestreichelt zu werden. Die Zeit schien still zu stehen in diesen Minuten.

Nach zwei Monaten versiegte Lilahs Muttermilch, und Gwydion musste an Babynahrung aus der Flasche gewöhnt werden. Lilah hoffte, dass er genug Milch bekommen hatte, um seine Abwehrstoffe zu mobilisieren, denn Muttermilch war immer noch das beste für Babys.

 

Lilah, die als Kind auf dem Land gelebt hatte, kamen zwei Kätzchen in den Sinn, deren Mutter damals überfahren wurde, als sie gerade acht Wochen alt waren. Lilah hatte ihnen Katzenfutter serviert, und nachdem sie einmal kräftig gekotzt hatten, fraßen sie es weiterhin ohne Probleme und gediehen prächtig. Gwydion hatte es da besser als die Kätzchen, die Umstellung war sanfter, und er war – wie gesagt – zäh wie sein Vater und gedieh trotz der Babynahrung aus der Flasche überaus prächtig.

Als Spike und Lilah endlich wieder miteinander schlafen konnten, die Verletzungen von der Geburt brauchten lange, um vollkommen zu verheilen, war es wie eine Erlösung. Eine Seligkeit. Alles andere war nur Ersatz gewesen, aber ihn in sich zu fühlen...

Sie wusste, sie gehörte ihm. Und er gehörte ihr.

 

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Sie hatten Lilahs Zimmer als Kinderzimmer eingerichtet und schliefen in Spikes Zimmer, nein es war natürlich nicht mehr Spikes Zimmer, sondern ihr gemeinsames Zimmer.

Sie hatten seit zehn Monaten nicht eine Nacht getrennt geschlafen. Auch auf der Tournee nicht. Außer im Krankenhaus.

"Weißt du noch, die Nacht als wir vor Sacramento einen Platten hatten und in diesem Kaff Pikes Town übernachten mussten?"

"Natürlich weiß ich. Sie hatten nur noch diesen Schweinestall frei, sie haben zwar noch ein paar Matratzen reingelegt, und dieser Service war verdammt schweineteuer", erinnerte sich Spike, "aber wir mussten zu sechst auf zwei Matratzen schlafen..."

"Du hast mich aber gut abgeschirmt", meinte Lilah verträumt und begab sich unter die Bettdecke, um Spike für die gute Abschirmung zu belohnen.

Sie erinnerte sich an Spikes Erektion, als er hinter ihr lag und sie im Arm hielt und wie er sich beherrscht hatte in diesem männergefüllten Schweinestall. Vier Tage vorher hatten Spike und sie erfahren, dass sie schwanger war. Und noch nie vorher hatte sie sich so glücklich gefühlt...

...Bis auf jetzt. Nein, jetzt war sie noch glücklicher als in dieser dunklen Nacht.

"Wenn dich einer angefasst hätte", Spike musste stöhnen, aus was für Gründen auch immer, "ich glaube, ich hätte ihn... ooh."

"Was hättest du?" Lilah tauchte kurz nach oben, um ihn zu küssen. Und verschwand dann wieder unter der Bettdecke.

"...ihn in die Luft ...oooh ...gesprengt! Oder", Spike stammelte nur noch, "in den Mund gesprengt! Oooh Gott!!!"

Als Lilah wieder auftauchte, war ihr Gesicht gerötet, sie legte sich auf ihn, sie wollte mehr, sie wollte ihn in sich spüren, und den Wunsch erfüllte er ihr nach einer kurzen Pause.

"Ich hatte was im Porsche vergessen und bin rausgegangen", keuchte sie, während sie sich auf ihm bewegte.

"Ich weiß, ich habe dich vermisst. Du bist nicht zurückgekommen. Dachte... schon... du... hättest.. hättest.. mich... verlassen." Spikes Stimme klang abgehackt.

"Es war so dunkel," Lilah stöhnte. "Ich habe den verdammten Wagen... oooh... nicht gefunden. So dunkel war es."

"Ooh jaa, dunkel. Ich habe dich gesucht."

"Diese Dunkelheit", Lilah keuchte noch mehr, "ich dachte, ich wäre blind. Und still war es auch. Ich hörte das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Kein Laut. Keine Straßenlaternen. Alles still und dunkel."

"Aber ich habe dich gefunden und gerettet", sagte Spike mit leicht zitternder Stimme. "Ich kann im Dunkeln sehen wie eine Katze."

"Ich höre es wieder, das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Rette mich, Spike!"

Spike tat es. Keine Frage.

 

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Lilah mietete unter falschem Namen ein bescheidenes Zimmer, zahlte im voraus für drei Monate die Miete, meldete ein Telefon an und hatte somit eine gute Ausgangsposition, unerkannt ins Netz gehen zu können.

Sie besuchte Casio in seiner Wohnung.

"Falls mir etwas passiert", wies sie Casio an und gab ihm die CD mit dem Lernprogramm für Access, "dann schicke die Daten auf dieser CD", sie zeigte ihm das Verzeichnis und den Unterordner, in dem sie alles versteckt hatte, "an diese Adressen. Das sind Zeitungen und Polizeibehörden, auch das FBI sollte es wissen."

Casio nickte, ihm war recht beklommen zumute, denn Lilah würde nicht für umsonst solch ein Unternehmen in die Wege leiten.

"Mach’ einen schönen Serienbrief draus. Und mach’ es nicht von deinem PC aus, sie könnten dir hinterher blöde Fragen stellen, sondern von hier aus." Sie gab ihm einen Umschlag, in dem sich die Schlüssel und die Adresse ihrer geheimen Kleinstwohnung und ihr Internet-Passwort befand. "Das Laptop kannst du behalten, wenn du willst."

"Was zum Teufel hast du vor?"

"Es ist nicht weit von hier. Wirst du das für mich tun, Casio? Versprich es mir!"

Casio fragte nicht mehr weiter nach, sondern versprach es ihr, und Lilah wusste, sie konnte sich auf ihn verlassen.

 

Dann begab sie sich selber zu dem angemieteten Zimmerchen, um einen Versuch zu starten, in den Computer von W&H einzudringen.

Mehrere Monate vor ihrem Tod hatte sie durch Zufall das Passwort von einem der ganz hohen Bosse der Firma erfahren. Sie waren damals in einer Bar etwas trinken gewesen, er war ziemlich besoffen, denn sie hatte ihn so abgefüllt, dass sie ihn nach Hause bringen musste. Bei dieser Gelegenheit – oh was konnte sie für ein Biest sein – durchsuchte sie seine Brieftasche und fand doch tatsächlich einen Firmenzettel, auf dem sein Passwort geschrieben stand. Der Idiot war wirklich zu dämlich oder zu selten am Computer, um sich sein Passwort merken zu können.

Sie hatte das Passwort gleich am nächsten Tag angetestet. Rein ... geklappt ... und wieder raus. Man wusste nie, wofür so etwas gut war.

Mit diesem Passwort startete sie ihren ersten Versuch.

Volltreffer. Man hatte das Passwort nicht geändert. Warum auch.

"Unerlaubtes Schnüffeln wird mit Verlinkung nicht unter drei Monaten bestraft." Lilah stieg der Erfolg zu Kopfe, und sie musste Witzchen machen.

Sie ließ das System erst einmal nach den Namen Bill und Castaway suchen. In zwei Dokumenten, die recht aufschlussreich waren, wurde sie fündig. Sie löschte beide. Keiner sollte Bill, alias Spike eine Verbindung zu W&H nachweisen können.

Sie suchte nach anderen Namen, nämlich Lilah Morgan und Spike, fand aber nichts.

Dann fiel ihr etwas ein und sie tippte: AMULETT.

Der Computer fand tatsächlich etwas, und Lilah öffnete es. Die Idioten hatten es noch nicht einmal kennwortgeschützt. Die fühlten sich wohl ziemlich sicher.

Gott sei Dank, Lilah sandte ein Stoßgebet zum Himmel oder sonst wohin, denn sie wusste nicht, ob Casio oder sonst wer auf dieser Erde ein kennwortgeschütztes Word-Dokument öffnen konnte.

Lilah wagte nicht, sich das Dokument herunterzuladen, sondern versuchte stattdessen, es schnell zu lesen. Sie war zuerst sehr überrascht, dann ungläubig, dann entsetzt und dann panisch.

Sie machte alles zu, schaltete ihr Laptop aus und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Das war ja noch schlimmer, als sie befürchtet hatte.

Buffy hatte ein Kind von Spike, das stand einwandfrei fest.

Das Kind hieß Morgan wie in der Prophezeiung.

Lilahs Kind hieß Gwydion wie in der Prophezeiung.

Sie wollten die Kinder.

Und vielleicht wollte man Lilah Morgan aus dem Weg schaffen, das ging aber nicht klar aus dem Dokument hervor. Doch das war im Augenblick nebensächlich.

Lilah dachte nach.

Dann ging sie noch einmal in das System hinein und noch einmal in das Dokument – sie änderte alle Namen leicht um, Spike nannte sie Nigel, sich selber F. Morgana, Gwydion taufte sie um in Gerry und Morgan in Mary.

Falls das Dokument jemals an die Öffentlichkeit gelangen würde, würde jeder diese Geschichte für total absurd halten und sie vor allem nicht mit Lilahs kleiner Familie in Zusammenhang bringen. Natürlich war das Risiko groß, dass W&H die Veränderungen schnell bemerken würden, aber dieses Risiko musste sie eingehen.

Und auch wenn sie jeden Tag ein Backup ihrer Daten machen würden, Lilah lächelte spöttisch, wäre das egal, denn sie kannte da ein paar Tricks...

 

Etwas später schrieb Lilah einen Brief. Sie hatte ein wenig Mühe, die Adresse ausfindig zu machen, aber sie schaffte es.

Auch diesen Brief gab sie Casio mit der Bitte, ihn abzuschicken, falls ihr irgend etwas passieren würde.

Casio wunderte sich über gar nichts mehr.

 

Ende Teil 17

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Teil 18

 

Lilah erzählte Spike endlich von ihrer Begegnung mit Drusilla, seiner ehemaligen Geliebten. Seiner dunklen Göttin. Seiner großen Liebe des neunzehnten bis zwanzigsten Jahrhunderts. Das war schon verdammt viel, wie Lilah fand, aber dennoch war Drusilla keine Bedrohung für sie.

"Eigentlich erinnere ich mich nur noch an Bruchstücke.

Holland Manners sagte: Ich öffne eine Kiste 1928 Chateau Latour.

Er hatte uns in seinen Weinkeller eingeladen, mich Lindsey und noch andere Anwälte. Er hielt dort immer Hof. Es war seine Residenz. Er war mein oberster Boss.

Holland sagte: Es gibt zwei Mitglieder, die sich selbst übertroffen haben. Lila Morgan und Lindsey McDonald.

Ich bedankte mich bei ihm.

Hollands Blick ging in Richtung Tür, da kam nämlich noch ein verspäteter Besuch.

Alle waren erstaunt. Es waren Drusilla und Darla.

Ihre Frau war so nett, uns zum Eintreten aufzufordern, Holland.

Ach, sagte Holland.

Drusilla leckte über ihren Mundwinkel und schwärmte: Sie war so süß, so süß wie Klee und Honig. Sie lächelte. Wie sie dastehen, all die netten Anwälte, sie zeigte mit dem Finger auf uns. Appetitlich...

Ich bekam allmählich Angst und setzte mich auf die Armlehne eines Sessels

Drusilla kam auf mich zu.

Sie streichelte sanft meine Wange und sagte: Du hast... wunderbar zarte Haut.

Ich sagte mit leicht wankender Stimme: Ich... pflege sie gut.

Ich wollte meine Angst nicht vor ihr zeigen.

Das ist wirklich, sie beugte sich näher zu mir, rücksichtsvoll von dir.

Ich hatte Schiss!

Holland blubberte irgendwas, um Darla zu besänftigen..

Darla ließ sich aber nicht besänftigen.

Drusilla spürte Angel, bevor er in den Raum kam..

Drusilla sagte: Daddy ist da.

Angel betrat den Raum. Darla dreht sich zu ihm um.

Sie fragte ihn spöttisch: Auch zur Verkostung hier?

Drusilla sagte: Sieh mal was du haben kannst... Plötzlich war sie enttäuscht und fletschte die Zähne, das ist nicht Daddy... Er ist nicht mehr Daddy.

Angel stand einfach da und sagte nichts.

Darla schien amüsiert: Er will uns bestrafen.

Drusilla schien erregt zu sein und sagte leidenschaftlich: Jaaa... Ja er peitscht uns gründlich, wir sind auch ganz unartig, wenn du es tust.

Und ich dachte trotz aller Angst: Die ist wirklich verrückt. Aber faszinierend verrückt.

Angel ist dann einfach abgehauen und hat uns unserem Schicksal überlassen. Das war nicht die feine irische Art, wie ich fand.

Lindsay und ich überlebten. Ja das war’s dann schon."

 

"Angel hat also auch nicht die ganze Menschheit geliebt", sagte Spike verächtlich.

"Zumindest Anwälte nicht." gab Lilah zu.

"Angel hat’s gut, der hat verschiedene Persönlichkeiten, hinter denen er sich verstecken kann. Allein schon seine Namen... Angelus und Angel, der Böse und der Gute." Spike steigerte sich in richtigen Zorn hinein. „Und ich, ich habe nur einen einzigen Namen! Wieso?"

"Spike, du bist einfach... komplexer. Bei dir ist alles unter einer Decke, das Gute so wie das Böse."

"Vielen Dank aber auch!"

"Das war keine Beleidigung, Liebster", sagte Lilah. "Ich halte das für sehr menschlich."

"Okay! Danach hat Angel die beiden, Dru und Darla wohl ein wenig abgefackelt" meinte Spike nachdenklich. "Dru hatte tatsächlich den Nerv, danach bei mir in Sunnydale zu erscheinen. Wollte mich nach Los Angeles holen und wieder eine Familie bilden."

"Das wusste ich gar nicht."

"Sie erschien mir wie die letzte Möglichkeit, meinem Leben, Quatsch Unleben noch eine andere Richtung zu geben. Mich gegen diese verdammte Liebe zur Jägerin zu wehren. Und sie hat es auch geschafft, mich aufzubauen. Der Chip, sagte sie, wäre nur eine Ansammlung von Metall und Kunststoff, und wenn ich wollte, könnte ich mich über ihn hinwegsetzen."

"Wirklich? Hättest du es gekonnt?"

"Vielleicht. Ja, ich glaube schon. Aber im Grunde wollte ich es wohl nicht. Ich glaube, ich wollte den Chip behalten, weil er mich menschlicher machte, zumindest zwangsweise."

"Hast du mit ihr..."

"Wir haben ein bisschen rumgeknutscht und sind dann ins Bronze gegangen, wo sie ein Pärchen tötete. Ich trank von der Frau. Zwar mit einem schlechten Gefühl, es kam schon Gewissensbissen gleich, aber ich trank..."

"Du warst ein Vampir, Spike."

"Ein Vampir, der von sich behauptete, er hätte sich geändert. Ein paar Stunden später kam dann diese entsetzliche Gruftszene. Ich hatte Buffy und Dru angekettet und versuchte Buffy von meiner Liebe zu ihr zu überzeugen."

"Das kommt mir nicht sehr romantisch vor", Lilah musste ein Lachen unterdrücken.

"Du kannst ruhig lachen. Das war wohl das Absurdeste und Peinlichste, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Und ich habe viel gemacht. Aber das damals, das war wie... die Invasion in der Schweinebucht."

"Erzähl’!" sagte Lilah und hielt ihr Lachen nicht mehr zurück. Invasion in der Schweinebucht, das war einfach zu köstlich!

"Ich bot ihr an, Drusilla für sie zu töten. Als Beweis meiner Liebe."

"Als Beweis deiner Liebe! Das ist gut." Lilah kicherte nun hemmungslos.

"Sie hat mich ausgelacht. Natürlich! Schließlich sagte sie, daran kann ich mich noch verdammt gut erinnern: Die einzige Chance bei mir hattest du, als ich bewusstlos war!"

"Upps, das war gemein", sagte Lilah, deren Lachkrampf allmählich verging.

"Fand ich auch. Ich fing an zu toben und zu wüten. Über diese verdammten Weiber. Dann, das ist der Hammer, erschien zu allem Überfluss noch Harmony, diese blöde Nuss, die seit Monaten bei mir in der Gruft lebte und sich für meine Freundin hielt."

"Haaa... Die kenne ich. Die ist wirklich nicht besonders helle." Lilah fing wieder an zu lachen. "Und, war sie deine Freundin?"

"Bist du verrückt? Äääh, natürlich habe ich sie ein paar Mal gebumst, aber in der letzten Zeit nur noch, wenn... oh Gott, was für eine Scheiße! Was für ein Idiot ich war!"

"Sind wir das nicht alle – von Zeit zu Zeit!?" stellte Lilah eher fest als dass sie fragte.

"Hmmm... Sie schoss mir einen Pfeil in den Rücken, hat aber mein Herz verfehlt. Dru konnte sich befreien und griff Buffy an. Ich kämpfte ziemlich angeschlagen mit Harmony. Dann befreite ich Buffy und schleuderte Dru weg. Dru sah mich an, als hätte sie mich noch nie vorher gesehen."

"Oh Gott Spike, drei Weiber, ist das nicht ein bisschen viel auf einmal? Selbst für dich?"

"Du kennst mich nicht", versuchte Spike zu scherzen, fuhr aber dann ernstwerdend fort: "Jetzt bin ich natürlich schlauer, und deshalb sage ich, wenn man sich demütigen lassen muss, um an das Objekt seiner Liebe ranzukommen, dann sollte man es lassen. Es ist nicht gut, weder für das Objekt noch für einen selbst. Es ist einfach nur lächerlich und peinlich. Wie die Invasion in der Schweinebucht."

 

Lilah hing ihren Gedanken nach und schwieg eine Weile, bevor sie das Thema wechselte.

"Spike, Schatz, sollten wir uns nicht um ein neues Haus kümmern? Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl. Außerdem solltest du Gwydion sofort in Sicherheit bringen, wenn mir irgendwas passieren sollte" Lilah sagte das nebensächlich, als hätte es keine große Bedeutung. Sie wollte Spike nicht beunruhigen mit ihrer Geschichte von W&H. Vielleicht war das ganze ja wie eine große Luftblase, die zerplatzen würde. Andererseits war das nicht sehr wahrscheinlich.

"Wenn du meinst." Spike schaute sie erstaunt an und versprach es ihr, aber er war immer noch eingehüllt in den Mantel der Sorglosigkeit, den ihm die Firma verpasst hatte und nahm ihre Sorge nicht weiter ernst.

"Morgen haben wir keine Zeit für die Haussuche", sagte Lilah, "da muss ich für die Jungs kochen. Aber spätestens übermorgen fangen wir an mit der Suche."

"Du willst morgen wirklich selber kochen? Da bin ich gespannt drauf!" Spike musste lachen und küsste Lilah auf den Mund.

Lilah war ausnahmsweise nicht von Spikes Kuss abgelenkt, ihr war soeben eine großartige Idee gekommen. Warum sollte sie nicht einfach zu W&H gehen und diese Bande ein bisschen unter Druck setzen? Im Falle meines Todes, das würde sie ihnen androhen, gelangt jede Menge belastendes Material in Umlauf. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen? Diesen Mistkerlen konnte man nicht anders beikommen. Die ALTE Lilah würde ihnen schon einheizen.

Übermorgen würde sie hingehen. Ganz in der Frühe.

 

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Der Gasofen war solide in die Wand eingemauert und machte einen vertrauenswürdigen Eindruck. Er wurde von einer nicht sichtbaren Gasquelle gespeist. Bronson war von dem Ofen begeistert gewesen, als er damals öfter Steaks gebraten hatte. Bronson hatte früher einmal einen Gasherd gehabt und meinte, dass so ein Herd in wirklich jeder Beziehung, zum Beispiel im schnellen Erreichen der Betriebstemperatur, einem Elektroherd überlegen wäre.

Lila und Spike hatten die Jungs eingeladen. Es war zwar Halloween und nicht gerade die Tradition für ein Thanksgiving-Essen, aber Spike und Lilah hatten sich noch nie groß um Traditionen gekümmert. Außer bei Gwydion.

Lilah hatte einen Truthahn bestellt, einen Riesenkerl von einem Truthahn. Lilah war alles andere als eine gute Köchin, das gab sie zu. Sie war schließlich eine Karrierefrau – nun ja, im Augenblick mehr Ehefrau und Mutter – und hatte mit Kochen nie viel am Hut gehabt.

Aber den Truthahn wollte sie selber zubereiten, alles andere würde fertig gekocht ins Haus geliefert werden, die Süßkartoffeln, Salate, Gemüse, frisch gebackenes, noch warmes Maisbrot und diverse Nachspeisen.

Gesegnet sei die Dienstleistungsgesellschaft, dachte Lilah erleichtert. Die würden sogar die Füllung für den Truthahn anliefern. Lilah überlegte, ob sie die Füllung dann in den fertigen Truthahn stopfen und als selbstgemacht ausgeben sollte, oder ob sie die Füllung extra servieren sollte. Spike wusste, dass sie als Köchin eine Niete war, aber er würde den Mund halten.

 

Es war noch früh am Nachmittag. Lilah zog sich Latexhandschuhe an, um den riesigen Truthahn zu würzen. Fast vergaß sie, die in Folie eingepackten Innereien herauszunehmen, aber im letzten Moment fühlte sie noch ein kantiges Stück Plastik und kapierte es. Das wäre eine tolle Füllung geworden!

Verstohlen sah sie sich nach Spike um, der gerade nach Gwydion geschaut hatte und die Treppe herunterkam. Er hatte nichts gesehen. Dem Himmel sei Dank! Er hätte sich bestimmt über sie lustig gemacht. Und sich hinterher bei ihr mit geilen Sachen ‚entschuldigt’...

"Guck dir das Riesending an", sagte Lilah.

"Das ist es, wirklich", stimmte Spike ihr zu.

"Wie lange wird er wohl brauchen, um gar zu werden?"

"Oooh...", Spike sah für einen Augenblick bestürzt aus, dann grinste er. "Ach so, du meinst den Truthahn. Ein paar Stunden bestimmt." Er trat von hinten an Lilah heran, legte seine Arme um ihre Taille und küsste sie auf ihren Nacken, der frei war, weil sie ihr Haar hochgesteckt hatte. Ihre Figur war wieder wie vor der Schwangerschaft, sie hatte aber auch eisern Gymnastik betrieben und dem Fresstrieb, der sie manchmal überkam, nicht immer nachgegeben. Nun ja, fast immer nachgegeben, man sagt ja, das Kind braucht die Sachen, nach denen die Mutter verlangt.

Sie erschauerte und ließ sich nach hinten gegen ihn fallen.

 

Das Telefon klingelte, Spike ließ sie widerwillig los und nahm den Hörer ab. Lilah hörte, wie er mit jemanden sprach und wandte sich wieder dem Truthahn zu. Spike beendete das Gespräch.

"Ich muss nochmal ins Krankenhaus mit Gwydion", sagte er verärgert.

"Ach du lieber Himmel, warum das?"

"Sie haben bei der letzten Untersuchung was verschlampt, die Idioten!" sagte Spike nicht gerade begeistert.

"Der arme Schatz, Hoffentlich müssen sie ihm kein Blut abzapfen. Soll ich mitkommen?"

"Ach was! Beschäftige du dich mit deinem Truthahn."

Spike holte Gwydion, wickelte ihn in eine Decke, küsste Lilah zum Abschied auf die Wange und fuhr mit dem Porsche, in dem jetzt eine doppelt gesicherte Kinderwagen-Halterung auf dem Rücksitz eingebaut war, zum Krankenhaus.

 

Lilah schaute ihnen besorgt nach und wandte sich dann wieder ihrem Truthahn zu. Er war jetzt fertig gewürzt, innen wie außen, befreit von lästigen überflüssigen ‚Füllungen’ und konnte endlich gebacken werden.

Sie zog die Handschuhe aus und schaltete den Herd ein. Er war wirklich einfach zu bedienen, kein Rumfuchteln mit Streichhölzern wie bei älteren Gasherden, nein, man stellte die gewünschte Temperatur ein und drückte den Startknopf. Sofort erwachten zwei Reihen blauweiß glühender Flammen zum Leben. Es sah faszinierend aus.

 

Und noch etwas anderes erwachte, als Lilah nach fünf Minuten, wie es in der Gebrauchsanweisung des Herdes angegeben war, die Backofentür öffnete, um den Braten in die Röhre zu schieben. Man hatte bei W&H sofort gemerkt, dass jemand, der nicht befugt war, in das System eingedrungen war und herumspioniert hatte. Es konnte sich nur um Lilah Morgan Castaway handeln. Damit war ihr Schicksal besiegelt.

Der katalytische Stoff Gasplo, der in der Forschungsabteilung von W&H entwickelt worden war, verlangt nach Erreichung einer gewissen Temperatur, die ungefähr fünf Minuten nach Einschaltens eines Backofens erreicht wird, eine große Menge von Sauerstoff. Das ist halt die Natur von Gasplo. Gasplo wird durch elektronische Einspritzung nach Betätigung einer Fernsteuerung in den Ofen geleitet. Und nur ein einziges Mal.

Der Ofen war in der Tat ein wahres Wunderwerk der Technik.

 

Als Lilah die Backofentür öffnete, versuchte der Ofen im Bruchteil einer Sekunde, die gesamte Luft des Hauses in sich zu saugen. Eigentlich war es nur der Stoff Gasplo, der das bewirkte. Aber ist ja auch egal.

Es gab eine gewaltige Implosion, die im Prinzip das gleiche ist wie eine Explosion, nur umgekehrt.

Die daraufhin folgende Druckwelle schleuderte Lilah an die gegenüberliegende Wand. Sie hatte immer noch ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

Sie war sofort tot.

 

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Spike kam eine Stunde später nach Hause, Er war ziemlich genervt, denn im Krankenhaus hatten sie ihn zuerst warten lassen, dann in ein Zimmer geführt. Dann wieder warten lassen. Bis ihm auf einmal klar wurde, dass niemand mehr kommen würde, um Gwydion irgendetwas abzuzapfen.

Er bekam ein mulmiges Gefühl und fuhr so schnell er konnte, natürlich unter Einhaltung der örtlichen Geschwindigkeitsbegrenzungen - denn er hatte schließlich ein Baby an Bord - nach Haus.

 

Die Haustür hing irgendwie schief in ihren Angeln, und das große Fenster im Erdgeschoss sah aus, als wäre es offen, bis Spike bemerkte, dass die Scheiben fehlten...

Im Hause sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. So ähnlich hatte es damals in seiner Gruft ausgesehen, dachte Spike automatisch.

 

Er bettete Gwydion auf ein Kissen, das auf dem Boden lag und nicht kaputt war und suchte Lilah. Schließlich fand er sie an der Wand gegenüber dem Backofen, der übrigens noch an war. Oder wieder an war, dieses solide Wunderwerk der Technik, das sich durch eine simple Implosion nicht abschalteten ließ, sondern treu seinen Pflichten nachkam. Mit zwei weißblauen strahlenden Flammenreihen.

 

Sie sah aus, als wäre sie ohnmächtig. Er wollte sie vorsichtig hochheben, obwohl er es besser wusste. Er wusste, wie Tote aussahen.

Unter der Haut fühlte sie sich an wie Gelee, und er hob sie nicht hoch. Unwillkürlich musste er an den zweiten Weltkrieg denken, als er ähnliche Opfer von Druckwellen gesehen hatte.

 

Bis dass der Tod euch scheidet. Er streifte Lilah den Ehering ab und zog ihn über seinen kleinen Finger. Bis dass der Tod euch scheidet. Er küsste sie auf die Stirn und versuchte, einen bestimmten Gedanken zu fassen, der ihm immer wieder entfleuchte.

 

Bis dass der Tod euch scheidet.

 

Dann erinnerte er sich an Lilahs Worte:

Bring Gwydion in Sicherheit.

Er rief Snikkers mit dem Handy an: "Bitte komm’ sofort!"

Er nahm Gwydion auf den Arm, ging nach oben, packte wahllos einige Kindersachen zusammen, ferner Windeln, Babynahrung, Spielzeug, stopfte alles in zwei Reisetaschen, legte Geld dazu, ging wieder nach unten und wartete.

Snikkers kam zehn Minuten später, sah die Verwüstungen im Haus, sagte aber nichts. Spike half ihm, Gwydion mitsamt Kinderwagen und Taschen ins Auto zu packen, gab ihm einen Zettel mit Angels Adresse.

"Fahr dort hin. Er wird auf ihn aufpassen."

 

Dann rief er die Polizei an.

 

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Spike war drei Tage in Untersuchungshaft. Er spürte nicht allzu viel davon, es war ihm egal. Snikkers kam am Abend des ersten Tages vorbei. Er versuchte Spike zu sagen, dass er die Kaution stellen würde. Spike war es egal.

Am dritten Tag wurde er entlassen.

Es gelang ihm, den Fotografen und Reportern zu entgehen, die sich vor der Haftanstalt postiert hatten, er ging in das Hotel, wo er vor einem Jahr gelebt hatte. Dort erkannte ihn niemand, und es interessierte auch niemanden, wer er war.

Er rief Angel an und fragte nach Gwydion.

Angel sagte, dass es Gwydion gut ginge und er der Liebling der Frauen wäre.

"Wie sein Vater." stellte Spike mit leiser Stimme fest.

"Ja, wie sein Vater", sagte Angel.

"Kannst du ihn noch bei dir behalten?"

"Ja natürlich", sagte Angel. "Ist nett, mal wieder ein Baby im Haus zu haben." Angels Stimme klang deprimiert, weil er seinen eigenen Sohn nur ein paar Wochen als Baby erlebt hatte, bevor er entführt wurde.

"Ich bin im Augenblick eine Gefahr für ihn. Bitte kümmere dich um ihn. Wenn irgendwas ist, bin ich hier im Hotel zu erreichen.". Spike gab Angel die Adresse des Hotels. "Aber pass gut auf ihn auf. Ich glaube, er ist in Gefahr."

"Natürlich. Spike, hast du heute schon irgendeine Zeitung gelesen?"

"Nicht dass ich wüsste", sagte Spike träge

"Lies irgendeine. Ist sehr interessant."

Obwohl es Spike nicht wirklich interessierte, begab er sich in die Bar und verlangte von dem Barkeeper irgendeine Tageszeitung und zwei Flaschen Whiskey.

Auf seinem Zimmer entkorkte er eine Flasche und setzte sie an den Mund und trank locker, während er die Zeitung ansah.

Die Titelzeile sah ziemlich fett aus. So fett, als könne man damit die Aufmerksamkeit eines Toten erwecken, dachte Spike sarkastisch.

W&H am Ende? ...stand dort in wirklich fetten Buchstaben. Das erweckte nun tatsächlich Spikes Interesse, und er begann zu lesen:

 

Vorgestern wurden an alle großen und mittleren Zeitungen in den Vereinigten Staaten und auch an alle Polizeistationen mehrere Dateien via Internet gesendet, die den Verdacht erhärten, dass die bekannte Anwaltskanzlei ‚Wolfram & Hart’ sich schuldig gemacht hat der Manipulation, Entführung, Verschleppung und sogar Ermordung von verschiedenen Personen. Das umfangreiche Beweismaterial besteht aus Geheimdossiers der Firma, ferner aus Aktenmaterial und Fotos der Opfer mit detaillierter Beschreibung der Vorgehensweise der Firma. Es wird vermutet, dass Lilah Morgan, die vor drei Tagen auf tragische Weise ums Leben kam und die früher in einer Führungsposition bei W&H war, diese Kampagne ins Leben gerufen hat, und zwar im Falle ihres Todes. Ihr Ehemann Bill Castaway, der in Untersuchungshaft genommen wurde, ist inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Dann folgten Details von Entführungen und Tötungen, Fotos von Opfern. Die ganze Zeitung war voll damit.

Casio hatte sein Wort gehalten.

Spike war nicht erleichtert, sondern es ging ihm noch beschissener als zuvor. Lilah hatte es gewusst. Warum hatte sie ihm nicht gesagt? Warum hatte sie ganz alleine die Last getragen, die das Wissen um diese Firma und ihre Machenschaften und Absichten mit sich brachte? Und sie war tot. Sie würde nie wiederkommen. Sie war tot. Spike setzte die Flasche wieder an.

 

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Die Untersuchungen ergaben zuerst nicht viel. Tatsache war, dass die Implosion nicht auf natürlichem Wege entstanden war, sondern durch menschliche Einwirkung verursacht worden war – Polizeisprache. Aber durch wen und durch was konnte man zuerst nicht feststellen. Falls jemals ein die Implosion auslösender Stoff vorhanden gewesen war, dann hatte er sich jetzt verflüchtigt oder sich mit anderen Stoffen vermischt und in etwas anderes verwandelt. Man fand einen solchen unbekannten Stoff auf Lilahs Kleidung, konnte ihn aber nicht genau analysieren.

 

Erst als man, gestützt durch einen Untersuchungsbefehl – die Staatsanwaltschaft konnte es nicht vermeiden, da die Öffentlichkeit mittlerweile so empört über die Machenschaften von W&H war, in der Firma das Labor untersuchte, fand man das Katalyt Gasplo. Und eine genaue Beschreibung, wie es einzusetzen war. Ferner fand man ein kleines Gerät, das sich nach genauerer Prüfung als Fernsteuerung für den unglückbringenden Gasherd entpuppte. Diese Fernsteuerung konnte bis zu einer Entfernung von einhundert Metern zum Herd eingesetzt werden und veranlasste die Einspritzung des Stoffes Gasplo in den Gasofen.

Ferner fand man noch weitere seltsame Dinge bei W&H. Man hatte offenbar nicht mehr genug Zeit gehabt, alles zu verschleiern, zu verbergen und zu vernichten Man fand jede Menge belastendes Material, seltsam verstümmelte und auch deformierte ‚Menschen’, wahrscheinlich Opfer von Experimenten und im Keller des Gebäudes mehrere Leichen.

 

Die Firma hatte also wortwörtlich Leichen im Keller. Die Verantwortlichen allerdings waren nicht mehr aufzufinden, die hatten sich in Windeseile verpisst.

Die Firma war am Ende. So schien es jedenfalls. Das Gebäude stand leer.

 

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Die Jungs holten einen bleichen Spike zu Lilahs Beisetzung ab. Es war zehn Tage nach dem Mordanschlag auf Lilah. Spike ließ Lilas sterbliche Überreste einäschern, sie sollte nie wieder zum Leben erweckt werden, weder durch Zauber noch durch genetische Manipulationen, das verdiente sie. Ihr Saphirring wurde mit ihr verbrannt.

 

Irgendwie überstand er die Zeremonie.

 

Der Nachlassverwalter stellte fest, dass Lilah Castaway ihrem Mann und ihrem Sohn eine Eigentumswohnung in Los Angeles, diverse Aktienpakete, deren Wert in den letzten Jahren gestiegen war (eher eine Ausnahme in diesen Zeiten), ein ansehnliches Geldvermögen durch den Verkauf einer großen Farm in Idaho nach dem Tod ihrer Eltern – und einen Porsche vererbt hatte.

Spike war mit einem Schlage ein reicher, nein sagen wir, sehr wohlhabender Mann geworden. Aber das scherte ihn einen Dreck. Nach der Einäscherung zog er sich wieder in sein Hotelzimmer zurück und orderte mehrere Flaschen Whiskey.

Die Gütertrennung, die er von ihr verlangt hatte, war nie in Kraft getreten. Das Dokument, das sie ihn vor der Hochzeit unterschreiben ließ, war genauso Placebo wie die Antibabypillen, die sie eingenommen hatte. Er hatte unterschrieben: ‚Hiermit teile ich alles mit meinem Ehemann Bill Castaway, und mein Ehemann teilt alles mit mir. Es gibt keine Gütertrennung.’

 

Auch das machte ihn nicht glücklicher.

 

 

Ende Teil 18  GONE WITH THE DEATH?  © Ingrid Grote 2003

 

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