GONE WITH THE DEATH?
Teil
1
Er steht am Strand und betrachtet den
Sonnenuntergang. Ein kalter Wind weht, und dicke Regenwolken ballen sich
zusammen, aber das ist nichts ungewöhnliches im Dezember an der Küste vor Santa
Catalina. Die blasse Sonne verschwindet hinter den Wolken. Der Sonnenuntergang
findet nicht statt, zumindest nicht im sichtbaren Bereich...
Seine Gedanken kreisen um ihre letzten gemeinsamen
Tage. Hatte er sie irgendwie verletzt, beleidigt, ihr nicht genug Beachtung
geschenkt? Nein, er kann noch so viel grübeln, er hat nichts dergleichen getan.
Ihre letzten gemeinsamen Tage waren harmonisch und glücklich.
Als es anfangt zu regnen, betritt er das
Strandrestaurant, setzt sich an einen Tisch und bestellt einen Kaffee. Das
Lokal ist fast leer, und von den wenigen Besuchern erkennt ihn niemand.
Er packt das Baby aus, das er in einem Babygurt und
durch eine warme Decke vor der Kälte geschützt mit sich herumgetragen hat und
setzt es behutsam auf seinen Schoß.
Er sollte ins Hotel gehen und ihn füttern, denn der
Kleine hat aufgehört zu schlafen und fängt an zu krähen, was ein Zeichen für
seinen Hunger ist.
Hilflos und liebevoll betrachtet Spike seinen Sohn.
Auf Dauer muss er sich etwas einfallen lassen, er wird sich vielleicht irgendwo
ein Haus kaufen und ein Kindermädchen einstellen. Jetzt wo die große Apathie
verebbt ist und ihn stattdessen Schmerzattacken der Erinnerung überfallen, wenn
er an seine Frau denkt, und er denkt immer an sie...
Der Kleine wird sie nie kennen lernen, wird
mutterlos aufwachsen, und Spike weiß nicht, wie er damit fertig werden soll.
Wenn er an die letzten vierzehn Monate denkt, muss er feststellen, dass es die
glücklichsten seines Lebens waren, oder seines Unlebens – egal. Er hätte damit
rechnen müssen, dass es für ihn kein dauerhaftes Glück gibt, dafür hatte er
zuviel Unheil angerichtet
Sie haben ihm die glücklichste Zeit seines Lebens
geschenkt – und wieder genommen. Auch sie war kein unbeschriebenes Blatt , aber
im Vergleich zu ihm war sie ein Nichts in Sachen Böses. Warum hatte
ausgerechnet SIE sterben müssen? Sie, die so liebevoll zu ihm war und deren
Glück ihn in den letzten Monaten so eingehüllt hatte, dass es zur
gefühlsmäßigen Rückkoppelung kam und er sie wahrhaftig liebte, so liebte, dass
er alle Anzeichen des Unheils übersehen hatte. Wie hatte er nur so blind sein
können? Er war in die Falle getrapst wie ein Idiot, und sie hatte sterben
müssen. Aber sie hatte es gewusst und sie hatte Vorkehrungen getroffen, um ihn
und ihren gemeinsamen Sohn zu beschützen. Was für eine Frau!
Spike bereut immer noch, ihr damals erzählt zu
haben, was er über den Himmel und über das Leben nach dem Tode denkt. Dass er
an nichts glaubt, dass alles nur im Gehirn der Menschen existiert: Gott, der
Himmel, die Engel und das Leben nach dem Tode.
Jetzt würde er sein Gefasel gern ungefaselt machen,
jetzt hätte er es gern, wenn sie ihm aus dem Himmel zusehen würde, nein sie
sollte vielleicht nicht immer zusehen, er erinnert sich an den – automatisch
stöhnt er auf – total wahnsinnigen Abend, an dem Buffy gekommen war, um ihn zu
trösten. Oh nein, was zum Teufel hatte er getan, aber er fühlte sich danach
tatsächlich lebendiger, zum erstenmal seit Wochen. Aber er fühlte sich
gleichzeitig auch beschissen, weil er seine Frau betrogen hatte, zwar nach
ihrem Tode, aber Betrug ist Betrug.
Er greift, mit dem Kleinen im anderen Arm nach der
Zeitung, die auf dem Tisch liegt. Er stutzt, und seine Augen weiten sich. Die
Schlagzeile und das Foto fesseln ihn sofort.
"Ach du heilige Scheiße", stöhnt er
gequält. "Auch das noch!"
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Vor
vierzehn Monaten:
Spike saß auf der Kante seines Bettes und hatte den
Kopf in seine Hände gestützt.
Er konnte es immer noch nicht fassen. Ein Mensch.
Das war so... unangenehm, fast schon peinlich. Er fühlte sich unbehaglich und
frustriert, ähnlich wie früher, wie ganz früher, als er noch William war. Aber
das war doch wohl vorbei, oder? Drusilla war auch vorbei, seine dunkle
Göttin... Und Angel? Buffy? Oh Gott, auch die hoffentlich vorbei – und zwar
beide!
Verfluchte Vergangenheit – warum musste er immer
noch daran denken?
Und was waren denn nun die Vorteil des Menschseins?
Spike kratzte sich am linken Arm. Er hatte sich doch tatsächlich einen leichten
Sonnenbrand eingefangen. Trotz aller Vorsicht. Und was die Nachteile?
Er hatte von ihrem Gespräch mit Angel – nachdem sie
sich heiß und innig abgeknutscht hatten – genug mitbekommen, um Bescheid zu
wissen, denn er war noch einmal zurückgekehrt, um auch den Rest ihres Gesprächs
zu belauschen. Sie konnte sich also nicht vorstellen, mit ihm, Spike, einen
Stall voller Kinder zu haben. Gut, das war verständlich, denn es war unmöglich,
und Spike musste vor sich selber zugeben, an so etwas auch nie gedacht zu
haben. Aber dieses Brotteiggerede. Was war denn das für ein hirnrissiges Zeug!
Weiter: Sie hatte also drüber nachgedacht, irgendwann zu Angel zurückzugehen,
es könnte aber dauern. Na super! Sollte sie doch! In der Zwischenzeit, in der
womöglich verdammt langen Zwischenzeit hatte sie bestimmt viel, viel Zeit, mit
anderen Typen und Vampiren rumzumachen, um dann schließlich doch zu Angel
zurückzugehen als fertig gebackenes Brot! Die beiden hatten sich wirklich
verdient! Der Oberheld und die Jägerin. Der Bäcker und das Brot.
Mittlerweile argwöhnte Spike, dass die Jägerin gar
nicht richtig lieben konnte oder vielleicht nur auf eine verklemmte
selbstsüchtige Weise. Na denn viel Spaß, Angel.
Und trotzdem hatte er sich für sie geopfert. Das
war schon seltsam. Oder hatte er sich etwa für die Menschheit geopfert? Nein,
im großen und ganzen war die Menschheit es eigentlich nicht wert. Vielleicht
einige wenige. War Buffy es wert?
War die Opferung ein Reflex, weil er eine Seele
hatte? Er wusste keine Antwort darauf.
Aber noch einmal. Was waren die Vor -
beziehungsweise Nachteile seines neuen Menschseins? Spike dachte angestrengt
nach.
Vorteil:
Er konnte sich am Tage draußen aufhalten.
Nachteil:
Aber er tat es nicht gerne, denn die Sonne war
grell und unangenehm. Seine Augen waren zwar die eines Menschen, aber er konnte
immer noch in der Dunkelheit besser sehen als am Tage. Er war halt ein
Nachtmensch.
Vorteil:
Er brauchte kein Blut mehr trinken. Er konnte alles
mögliche essen. Spike hatte eine Vorliebe für Pizza entwickelt. Ein Vorteil
also?
Nachteil:
Er brauchte kein Blut mehr trinken. Er hatte gerne
Blut getrunken. Und das meiste, was es zu essen gab, war Schweinefraß, außer
Pizza vielleicht.
Vorteil:
Er konnte sich im Spiegel sehen.
Nachteil
An manchen Tagen nach gewissen Saufereien war sein
Anblick im Spiegel ziemlich deprimierend.
Nachteil:
Er hatte jetzt diesen unangenehmen Verdauungstrakt.
no comment!
Nachteil:
Er hatte jetzt von Saufen viel länger Kopfschmerzen
als früher. Und das Rauchen – nun denn, das würde er irgendwann mal aufgeben,
ja vielleicht, aber nicht sofort. Daraufhin steckte er sich sofort eine an,
aber mit schlechtem Gewissen.
Nachteil:
Seine Haare wuchsen jetzt viel schneller. Er war
gezwungen, alle drei Wochen zu einem Frisör zu gehen, um sie nachschneiden zu
lassen, und Frisöre sind wie jeder weiß, Vertrauenssache...
Nachteil:
Auch der Bart wuchs, er musste sich tatsächlich
jeden Tag rasieren. Vergeudete Zeit!
Nachteile, Nachteile, Nachteile...
Spike fühlte sich ziemlich frustriert. Vielleicht
sollte er W&H mal einen Dankesbesuch dafür abstatten, dass sie ihn
zurückgeholt hatten – wenn auch in einem anderen Aggregatzustand als vorher –
und sie kräftig in den Hintern treten.
Dann fiel ihm doch noch etwas ein zum Thema
Vorteil-Nachteil. Ein wirklich nicht zu unterschätzender Vorteil. Er dankte
einem imaginären Gott dafür – Spike glaubte nicht wirklich an Götter, für ihn
waren Götter Wesen, die fünf Sekunden NACH dem Urknall entstanden waren, ein
Indiz dafür, dass sie nicht alles konnten – dass seine Gefühle nicht mehr da
waren, er war von ihnen befreit worden.
Also Vorteil:
Er liebte Buffy nicht mehr. Hallelujah! Gone
with the death… Ja wirklich, der Tod
hatte manchmal nette Nebeneffekte. Er war frei. Frei?
Nachteil:
Er war jetzt zwar frei, aber er fühlte ein
gewaltiges Vakuum in seinem Innersten, und es war absolut nichts in Sicht,
womit er dieses Vakuum auffüllen konnte.
Seltsamerweise hatte er seine körperliche Stärke
behalten, obwohl sie ihm jetzt anders vorkam, intensiver irgendwie. Und die
Selbstheilungskräfte waren auch noch da. Vielleicht nicht so schnell wirkend
wie in seinem Vampirdasein, aber der Sonnenbrand zum Beispiel würde in ein paar
Stunden Geschichte sein, und er vermutete, dass es mit größeren Wunden ähnlich
wäre. Gut, er war also nicht vollkommen menschlich, er war vielleicht
vergleichbar mit... ’ner Jägerin. Jägerin? Spike musste lachen. ’Ne männliche
Jägerin! Das war vielleicht ein Hammer! Das hörte sich ja an wie in dem Film:
‚Ich war eine männliche Kriegsbraut’, einem amerikanischen Nachkriegsschinken
mit Cary Grant.
Tatsächlich hatte Spike manchmal das Bedürfnis,
einen besoffenen Penner über eine stark befahrene Straße zu geleiten, ein
Bedürfnis, das er bis jetzt immer mannhaft unterdrückt hatte. Na ja, bis auf
die beiden Male... Ein seltsames neues Bedürfnis. Denn als Vampir hatte er die
Menschen nicht besonders geliebt, bis auf die kleine Gruppe um Buffy, nein
eigentlich nur Buffy und ihre kleine Schwester. Und vielleicht Willow, die
hatte er immer schon gemocht. Zum Beißen gerne.
Was also war im Krater vorgegangen, als sie seine
Hand hielt und als die Strahlung nicht mehr zum Aushalten war. Das Amulett besaß
große Kräfte. Außerdem hatte Willow einen Zauber veranstaltet, damit Buffys
Kräfte auf die Anwärterinnen übergingen. War bei dieser Gelegenheit etwas von
den Kräften auch auf ihn übergegangen?
Diese ganzen Überlegungen änderten nichts an der
Tatsache, dass er seit vier Monaten wieder lebte – allerdings hatte er von den
ersten drei Monaten nicht viel mitbekommen – und seitdem nicht viel getan
hatte, außer hier im Hotel grübelnd rumzuhängen und ein paar Erkundungsausflüge
zu machen.
Spike erhob sich vom Bett, schlenderte zum Telefon,
wählte die Nummer von Wolfram & Hart, wo man ihn beflissentlich mit der
Chefetage verband, allerdings legte er den Hörer wieder auf und entschloss
sich, einfach so hinzugehen.
Das Hotel, in dem er jetzt schon einen Monat wohnte,
lag nicht weit entfernt vom Wolfram & Hart-Gebäude. Er musste nur durch ein
paar verwinkelte und dunkle Gassen gehen.
Natürlich hatte er das Hotel vom Standpunkt eines
Vampirs ausgesucht. Die Gassen waren so schmal, dass nie ein Sonnenstrahl sie
erreichte, und es war eine ziemlich heruntergekommene Gegend, wo die Leute sich
nicht freundlich unterhielten, sondern wegschauten, wenn jemand tot oder
halbtot an oder in einem Müllcontainer lag.
Es war halt noch so in ihm drin, das mit der Sonne.
Er liebte sie nicht. Sie knallte in seine Augen, die immer noch etwas von einem
Nachtraubtier hatten und blendeten ihn auf der Stelle, so dass er sich nach dem
ersten Tag im Freien sofort einige Sonnenbrillen zulegte. Und er konnte große
Hitze nicht gut vertragen – die Ursache war bestimmt seine permanente
Untertemperatur, die so um die 34° Celsius lag und wahrscheinlich auch ein
Überbleibsel aus seiner Vampirzeit war.
Bei Wolfram & Hart ließ man ihn sofort rein. Er
gewann den Eindruck, der Rausschmeißer oder besser gesagt der Reinlasser, der
eindeutig dämonischer Natur war, hätte ihn schon erwartet. Man geleitete ihn
recht flott in die Gemächer der Chefetage, wo sich alsbald einer der leitenden
Typen ihm zuwandte und ihm die Hand reichen wollte, was Spike generös übersah.
Verlegen zog der Typ seine Hand zurück.
"Mister, äääh... Spike, mein Name ist Watson.
Wie geht es ihnen?"
"Keine Ahnung Doctor – sagen Sie es mir!"
"Äääh... ja, Sie werden sich bestimmt schon
gewundert haben, weshalb Sie wieder hier auf der Erde sind."
"Und auf dieser wandele? Sagen Sie es mir,
oder..."
"Gut. Die äääh... ganze Sache beruht auf einem
Missverständnis."
"Tja, dann bin ich ja beruhigt..."
"Wenn Sie das sagen. Denn Mr. Spike, wollten wir ja eigentlich Mr. Angel äääh hier...haben."
"Ohgott!" stöhnte Spike. "Was wollt
Ihr nur alle mit dem Kerl?"
"Es handelt sich um ein Experiment, Mr. Spike.
Wir sind aber mittlerweile zu der Ansicht gelangt, dass SIE uns in diesem
Experiment um einiges nützlicher sein könnten als Mr. Angel."
"Ihr Typen habt also gedacht, dass Mr.
Angel", Spike sprach den Namen affektiert und mit einer guten Portion
Verachtung aus, "sich in Sunnydale das Amulett umschnallt und sich für die
Menschheit opfert?"
"Sie haben es erfasst, Mr. Spike."
"Und wie passe ich jetzt ins Bild?"
"Mr. Spike, Sie und Mr. Angel haben eine Sache
gemeinsam. Das scheint irgendwie in der Familie zu liegen", druckste
Watson ein wenig herum.
"Was meinen Sie? Dass wir uns immer in die
gleichen Frauen verknallen?" Spikes Stimme klang ein wenig ärgerlich.
"Nnnein, das nicht", stammelte Watson.
"Es ist das mit der Seele, das sie beide gemeinsam haben."
"Ach Gottchen! Eigentlich habe ich mit diesem
Wichser nichts gemeinsam. Aber gut. Und wie weiter?"
"Es handelt sich um eine... äääh
Langzeitstudie über beseelte Vampire, oder vielmehr um Exvampire mit
übermenschlichen Kräften, und wir würden alles in unserer Kraft Stehende tun,
um Sie während der nächsten paar Monate tatkräftig zu unterstützen."
"Sie meinen Knete und so...?"
"Genau das, Mr. Spike. Und wenn sie eventuell
noch einen besonderen Wunsch haben? Möchten sie vielleicht die Jägerin
wiedersehen? Sie standen sich doch recht nahe. Wir tun alles, um Ihre Wünsche
wahr werden zu lassen."
"Alles, nur das nicht", konterte Spike,
"Nein, ich möchte gerne einen Schwanz haben, der mir bis zum Boden reicht,
wohlgemerkt ohne dass sie mir die Beine abhacken. Wäre das zu machen, Doctor
Watson?" Spikes Stimme klang höhnisch.
"Wir dachten eigentlich an Dinge, die eher
geldmäßiger Natur sind. Oder an Wünsche, die man wirklich mit Geld erfüllen
kann", stöhnte Watson peinlich berührt ob Spikes obszöner Rede.
"Gut - dann möchte ich gerne ein Rockstar
werden", Spike lümmelte sich bequem in seinem Sessel herum und guckte
Watson provozierend an.
"Das ließe sich machen, Mr. Spike."
"Häääh!!!" Spike war bestimmt immer
schlagfertig gewesen, aber dieses Mal war er geschlagen. Und er sprang sofort
drauf an – verflucht nochmal!
Schon kamen ihn die Bandmitglieder in den Sinn – er
konnte sie vor seinem geistigen Auge sehen, halb Dämonen, halb Menschen, und
Snikkers war immer schon ein verdammt guter Schlagzeuger gewesen. Und er, Spike
der Superstar, hatte sich im Laufe der Jahrzehnte das Gitarrespielen
beigebracht, und er konnte recht anständig singen. Seine Stimme war wohl das
Beste an ihm, seine heisere rauhe Stimme, nein Quatsch, sein Aussehen war auch
nicht schlecht und sein Schwanz, wenn er auch nicht bis zum Boden reichte –
Spike musste grinsen – bestimmt auch nicht.
"Wir sind uns also einig, Mr. Spike?"
unterbrach Watson seine Gedanken.
"Ich heiße nämlich von nun an Bill Castaway,
und meine Band heißt "THE BIG BAD THING". Abgekürzt, wie es
heutzutage Sitte ist: ‚TBBT’. Haben Sie das verstanden, Doc!"
"Aber natürlich, Mr... äääh... Castaway. Wir
werden alles in die Wege leiten." Watson schien ein Stein vom Magen zu
fallen.
"Ich brauche natürlich ein passendes, ja wie
soll ich sagen – Anwesen vielleicht", forderte Spike unerbittlich,
"damit ich genug Inspiration für meine Karriere bekomme."
"Wir werden für Sie ein Konto eröffnen, über
das sie nach eigenem Ermessen verfügen können." ächzte Watson.
"Soso, nach eigenem Ermessen...", äffte
Spike ihn nach, "Heißt das, dass ich, wenn ich mir ein Häuschen zulege,
auch im Grundbuch eingetragen bin? Als Bill Castaway? Als der Brite Bill
Castaway? Sir?"
"Das heißt es", seufzte Watson und fügte
hinzu: "Sie sind ein harter Verhandlungspartner, Mr. Sp... äääh Castaway,
aber wir werden uns schon einig werden. Sie werden absolut wasserdichte Papiere
erhalten, und wir werden ihre Karriere mit allen Mitteln fördern."
"Die Papiere müssen nicht unbedingt
wasserdicht sein, es reicht schon, wenn mir die Bullen vom Hals bleiben",
witzelte Spike, wurde aber sofort wieder ernst, "Können wir das mit der
Banksache jetzt sofort klarmachen!?"
"Ich werde Ihnen jetzt sofort eine größere
Summe Geldes übergeben, Mr. Castaway, und die restlichen Formalitäten erledigen
wir, sagen wir nächsten Mittwoch um siebzehn Uhr hier in diesem Raume. Ist das
recht?"
"Schon recht", brummte Spike, ergriff den
prallen fetten Umschlag, den Watson ihm hinhielt und verschwand schnell aus dem
Gebäude, bevor der Typ es sich anders überlegen konnte.
Als Spike das Zimmer verlassen hatte, ertönte aus dem
Nebenraum eine träge Stimme: "Nun, hat er es geschluckt?"
"Es scheint so. Doch, ich bin mir
sicher", antwortete Watson. "Der Köder mit dem Rockstar war einfach
zu gut."
"Nächsten Mittwoch also... Ist alles
vorbereitet? Haben Sie die Frau präpariert?"
"Sie liegt in Zimmer 88. Und sie hat keine
Ahnung, was für eine große Rolle sie in unserer ääähh... Geschichte spielen
wird."
"Sehr gut. Und wie sind seine Gefühle für die
Jägerin?"
"Meines Erachtens nach ist er nicht gut auf
die Jägerin zu sprechen."
"Er lässt jetzt wohl seinen Verstand walten, und die Gefühle sind in den Hintergrund getreten. Das ist gut, denn wir wollen ihn doch von der Jägerin fernhalten", die träge Stimme hatte jetzt einen boshaften Unterton. "Leiten Sie das mit dem Rockstar in die Wege. Wir wollen unserem ‚Superstar’ doch ein wunderschönes Leben bieten, bevor der Alptraum über ihn hereinbricht." Die Stimme kicherte boshaft im Hintergrund und verstummte dann.
Ende
Teil 1
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Teil
2
Spike indes wühlte sofort, nachdem er das Gebäude
verlassen hatte, in dem dicken Paketumschlag herum, zählte provisorisch das
Geld und war dann ziemlich erschüttert, als er feststellte, dass es sich um
circa zweihundert Hundertdollarscheinchen handelte.
Er war ziemlich angenehm erschüttert. Das waren ja
in Worten 20000 $! Nicht übel...
Dafür muss ’ne alte Frau ziemlich lange stricken,
dachte er belustigt. Aber was zum Teufel können die von mir wollen? Wegen
meiner schönen blauen Augen geben die mir nicht soviel Geld! Aufpassen, Junge.
Ach was, aufpassen später, jetzt wollen wir die Sache erst mal richtig
genießen.
Er hatte natürlich einen Witz gemacht, wollte
sehen, wie weit sie ihm entgegenkamen, als er das mit dem Rockstar erwähnte.
Sie waren drauf angesprungen. Irre. Und jetzt musste er sich ernsthaft Gedanken
machen, wie er das ganze aufziehen sollte. Die von W&H sollten sich das
Geschäftliche vornehmen, aber er, Spike, würde sich um die Musik kümmern.
Im Hotel angekommen, ging er nicht auf sein Zimmer,
sondern suchte die kleine Hotelbar auf, um zur Feier des Tages einen zu
trinken. Und um den ersten Hunderter zu wechseln. Ach was, er würde es auf die
Rechnung setzen lassen.
Er setzte sich auf einen Barhocker an der Theke,
bestellte einen großen Brandy und versank dann in Gedanken über die Musik, die
er mochte.
Die 80er. Natürlich! Die hatten das größte
Potential, und die meisten seiner Lieblingsgruppen stammten aus dieser Zeit.
Damals war er oft in England gewesen, und die Engländer hatten immer schon
bessere Musik gemacht als die Amerikaner.
"Nenn mir eine amerikanische Gruppe, na
vielleicht außer dem Typen – wie hieß der noch – ach ja ‚David Byrne’, die
irgendwas grundlegend neues oder interessantes gemacht hat?" Er
beantwortete seine Frage umgehend: "Keine bis auf dieTalking Heads und
B-52s vielleicht."
Ferner erinnerte er sich noch an eine geile Band
mit dem Namen Plasmatics, wo unter lauten schrägen Gitarrenklängen eine Exhure mit
einem Vorschlaghammer ein ekelbeiges Mercedestaxi zertrümmerte hatte. Die Frau
hatte sich irgendwas in ihre nackten Titten piercen lassen. Die Show war gut,
die Musik scheiße. Amis eben. Wieso war ihm das im Gedächtnis geblieben?
Nein, die Amis spielten immer noch ihren alten
Stiefel weiter. Rock’n Roll. Immer noch der gleiche Mist wie vor dreißig oder
vierzig Jahren. Soul, ja das war damals okay gewesen, hatte richtig Pep gehabt.
Und die ersten Rapsongs auch. Grandmaster Flash... Klasse.
Und heute? Was machten die Afroamerikaner
eigentlich? Hiphop? Nicht sein Ding. Diese wabbeligen Aftersoul-Klamotten...
Nein, auch die nicht sein Ding.
Versionen von Sachen, die er, Spike, von früher
kannte und die früher Klasse gewesen waren und die jetzt zu einem Einheitsbrei
verhunzt waren und mit dem Original sowenig gemeinsam hatten wie ... jaaa‚ ein
Hamburger mit ’nem Chateaubriand. Und das Schärfte war, die Kids, da sie zu
jung waren, um die Originalsachen zu kennen, bildeten sich doch tatsächlich
ein, es wären brandneue Sachen. Tatsächlich waren sogar die verhunzten Stücke
immer noch besser als das, was an neuen produziert wurde. Waren der Menschheit
die Melodien ausgegangen? Gab es alles schon einmal? Es war zum aus der Haut
fahren.
Spike grübelte weiter und prostete seinem
Spiegelbild im Barspiegel aufmunternd zu. War schon seltsam, sich im Spiegel zu
sehen hinter all diesen Schnapsflaschen, nein nicht wegen der Schnapsflaschen,
sondern sich in einem richtigen Spiegel zu sehen, verdammt ungewohntes Gefühl.
War schon was anderes als sich nur in einer polierten Metallplatte zu sehen,
die natürlich auch ihre Vorteile hatte – uupps der Brandy haute ja ganz schön
rein, viel schneller als erwartet – man sah in Metallflächen nämlich immer
besser aus, weil die Details schön verschwommen und weich waren. Nicht dass er
Probleme mit seinem Aussehen gehabt hätte, aber als er sich jetzt im Barspiegel
besah, meinte er, älter geworden zu sein, seine Gesichtszüge waren härter, als
er sie in Erinnerung hatte. Es konnte eigentlich nicht daran liegen, dass er
jetzt schon vier Monate menschlich, Na ja irgendwie menschlich war... Nein,
eigentlich nicht, es sei denn, sie hätte ihn als Gen-Monster erschaffen mit nur
einem Viertel der normalen Lebenszeit eines menschlichen Wesens. War auch egal,
er hatte lange genug gelebt, um nicht ob dieser tristen Gedanken in Panik zu
verfallen. Vermutlich hatten die vielen Jahre mit Schweineblut als Hauptnahrung
ihn altern lassen – und natürlich die verfluchte Jägerin... Aber was soll’s. Es
war vorbei.
Und Schweineblut, mittlerweile igittigitt!
Und wieso konnte er sich als Vampir in einer
polierten Metallplatte sehen, aber nicht in einem quecksilberbeschichteten
modernen Spiegel? Es lag – Spike musste lachen – wahrscheinlich an der
undichten molekularen Substanz der Vampire, sie konnten eine Metallplatte
belügen aber einen Präzisionsspiegel nicht. Gute Theorie, alter Junge! Vor
allem die mangelnde molekulare Dichtigkeit von Vampiren. Bist wohl nicht ganz
dicht! Wieder lachte er in sich hinein.
Er hätte gerne jemanden gehabt, der seine seltsamen
Gedankengänge verstehen würde. Aber woher nehmen?
Spike fühlte auf einmal, wie ihn ein seltsames,
bisher unbekanntes Gefühl, übermannte und das sich in Worten vielleicht so
ausdrücken ließ: Ich bin irgendwie alleine.
Es war ein durchaus menschliches Gefühl.
Um diesem Gefühl zu entgehen, beschloss er, die
Kumpels aufzusuchen. In der Demon’s Bar. Ein bisschen hatte er sich in L.A.
schon umgeschaut. Wäre natürlich besser, seinem Großvater Angel mal einen
Besuch abzustatten, vielleicht konnte der ihm ein paar Bars nennen, wo man alte
Bekannte treffen konnte, aber diese Schwuchtel ging wahrscheinlich nicht mehr
in Bars, außer um Ermittlungen anzustellen, und wahrscheinlich würde er, Spike,
seinem Grandpa was in die Fresse hauen, wenn er nur irgendwie die Möglichkeit
dazu hätte. Die Fresse von dem schrie geradezu danach.
Also in die Demon’s Bar.
Und er hatte Glück. Snikkers, der geniale
Schlagzeuger war da, und er war nur allzu bereit, auf Spikes Angebot mit der
Band einzugehen, denn er war im Augenblick wirklich knapp an Zahlungsmitteln,
und zwar so knapp, dass ihm die Sharkie-Brothers, eine gewisse mörderische
Inkasso-Schulden-Eintreiber-Truppe dicht auf den Fersen war, falls man diese
geflügelten äääh... Dinger Fersen nennen konnte, und die drohte, ihm die
Flügelchen von den selbigen abzuschneiden. Was natürlich kein Snik-Dämon
überleben würde.
Also, alles klar. Snikkers kannte auch einen guten
Keyboarder. Guter Mann. Der Typ hatte einen kleinen dritten Arm, der beim
Keyboardspielen einfach genial war – und er war natürlich dämonischen
Ursprungs. Er hieß oder nannte sich: Casio. Eindeutig ein Witzbold, wie Spike
fand. Er erinnerte sich vage: Der die oder das Casio wurde wahrscheinlich
Anfang der 60iger Jahre erfunden. Oder noch früher? Es war vielleicht dreißig
Zentimeter lang und es hatte Tasten wie ein Klavier, nur nicht so viele. Man
konnte aber auch darauf tuten oder blasen. Später im Zuge der Evolution wurde
es größer und nannte sich Hammond-Orgel. Oder war zuerst die Hammond-Orgel da
und dann das Casio, überlegte. Spike. War ja auch egal.
Der dritte Mann war rein menschlichen Ursprungs und
ein irre guter Bassist. Obwohl er sich den Verstand schon lange aus dem Leib
gesoffen und gekifft hatte. Bronson war eigentlich ein Dichter, zumindest hatte
er in einer früheren Phase seines Lebens Gedichte geschrieben und hatte damit
sogar eine gewisse lokale Berühmtheit erlangt. Zumindest in den Kneipen, in
denen er sie rezitierte. Blöderweise waren die vier Gedichte die einzigen Gedichte
geblieben, aber er zehrte heute noch von seinem Ruhm, und manchmal, wenn er
genug Bier intus hatte und genügend Zuhörer da waren, ertönte an der Theke sein
Epos:
Bei
Doktor Seltsam im Labor
Da
kann mir manches seltsam vor
Und
auch in seiner großen Werkstatt
da
sah ich mich an seinem Werk satt
Er
erfand, wusstest du das schon,
die
Armbanduhr mit Telefon
Von
der Größe her ein Achtel
der
normalen Streichholzschachtel....
An dieser Stelle erhob Bronson dann sein Feuerzeug,
um zu betonen, wie winzig die Armbanduhr mit Telefon doch wäre und dass er zum
Verrecken keine altmodische Streichholzschachtel mehr auftreiben konnte, und an
dieser Stelle brachen alle Saufkumpanen, zumindest jene, die noch nicht
vollständig besoffen waren, in schallendes Gelächter aus....
Mit Spike waren sie nun vier. Für den Klang ein
bisschen mager. Da konnten sie ja gleich 'ne dünne Dreierformation bilden. Wie
Police oder so.
Bronson schlug vor, den ‚Luden’ dazuzunehmen. Der
‚Lude’ war, wie der Name schon sagte, ein kleiner Möchtegernzuhälter, der in
San Francisco wohnte und dort seine Geschäfte betrieb, was ihm natürlich keiner
glaubte. Spike kannte den Typen und konnte ihn irgendwie nicht leiden. Also
abgelehnt.
Casio, der Mann, ....äääh Dämon mit dem dritten
Arm, machte Spike auf einen gewissen Porterhouse aufmerksam, einen Punk mit
'ner irren alten Fliegerlederjacke, auf die er wahnsinnig stolz war, da sie aus
dem ersten Weltkrieg stammte. War zwar ziemlich zerrissen, aber zum Glück hatte
der Vorbesitzer, der wahrscheinlich auf einem Schlachtfeld in der Gegend von
Verdun verrottet war, die gleiche drahtige Figur wie Porterhouse gehabt.
"Porterhouse, was issen das für’n komischer
Name?" fragte Spike ihn, mittlerweile lallend, weil voll des Bieres.
"Eigentlich heiße ich ‚Der, der nie ein
Porterhouse-Steak bekommen hat’, Alter", blaffte Porterhouse zurück,
"aber das ist ‚ne lange Geschichte..."
"Schon gut, schon gut. Alles klar. Biste
dabei?"
"Hhmmmm.... okay!"
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Drums Snikkers
Keyboards Casio
Bassguitar Bronson
Leadguitar Porterhouse
Guitar,Vokals Spike oder vielmehr Bill
Spike überlegte. Hörte sich alles vielversprechend an,
aber würde es auch klappen? Konnten sie sich über die Stücke einigen? Würden
sie es schaffen, eventuell etwas eigenes zu schreiben? Das musste nicht sein.
Eigentlich schwebte ihm vor, bestimmte Stücke, die nie berühmt gewesen waren,
wieder ans Tageslicht zu bringen. Sie hatten damals keine große Berühmtheit
erlangt aus verschiedenen Gründen wie fehlender Promotion, oder die
Plattenfirmen waren zu klein, deswegen die fehlende Promotion, und vielleicht
würden sie es auch heute nicht zur Berühmtheit schaffen, aber Spike fühlte sich
verpflichtet, sie auszugraben. und zu konservieren. So wie man eine
aussterbende Gattung versucht zu erhalten... Vielleicht würde das Publikum sie
sogar mögen.
Das Publikum..... hahahah. Jetzt fing er schon an
zu spinnen.
Die
Gruppen: Engländer:
Joy Division
New Order?
Magazine
Bollock Brothers
Anne Clark
the Smiths
Ultravox
the The – vielleicht
Die
Gruppen: Amerikaner:
Talking
Heads
Dann fiel ihm noch Billy Idol ein, der eigentlich größtenteils undiskutabel war, seine Musik vor allem – und die Tatsache, dass man ihn, Spike, verdächtigte, Billys Aussehen imitiert zu haben. Dabei war es genau anders herum, nach dem Motto: There was no one punk, before I was punk... Aber dieses eine Stück – ja das erinnerte ihn an die Jägerin....
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Das Lied fing düster instrumental an – mit einem
klanglichen Hintergrund wie im Höllenschlund oder wie bei einem Fußballspiel
von Manchester United.
Nein dieses Stück war's nicht, und es stammte auch
nicht von Billy Idol.
Spike erwachte und fühlte sich aus bekannten
Gründen traurig. Dieses Stück schien alles auszudrücken, was ihm fehlte und was
er höchstwahrscheinlich nie bekommen würde. Aber er würde das Beste draus
machen und das Stück als erstes einstudieren lassen, mochten die Jungs dazu
sagen, was auch immer sie dazu sagen wollten.
Das nächste Treffen mit den Jungs fand in Spikes
Hotelzimmer statt.
Sie waren doch tatsächlich alle gekommen: Snikkers,
Casio, Bronson und Porterhouse, letzterer hatte sich seine restlichen Haare
auch noch abrasiert und erschien fast als Skinhead, was Spike zu der Bemerkung
veranlasste: "Wenn Bronson auch nur die Hälfte von dir hätte, wäre es
schon klasse. Bronson, der Sohn einer reinen Indianerin und eines polnischen
Einwanderers hatte Haare, die fast bis zu seinem Hintern reichten. Schöne Haare
eigentlich, blauschwarz und glatt wie das Gefieder eines Raben.
"Hast du die Tapes?" Spikes Stimme klang
ungeduldig und energiegeladen.
"Klar", sagte Casio, "allerdings
sind sie nicht mehr die besten. Weißt du, zwanzig Jahre sind kein Pappenstiel,
obwohl ich sie gehütet hab’ wie meinen dritten Arm...." Er packte die
Plastiktüte aus, die er mitgebracht hatte und stapelte CDs und Kassetten auf
den niedrigen Tisch. "Aber passt gefälligst auf, das sind wertvolle
Artefakte, na ja eigentlich nur die Kassetten. Gottseidank," ein
Stoßseufzer entfuhr ihm, "gibt es fast alles schon auf CD."
"Egal – wir wollen sie ja nicht hundertpro
nachspielen, sondern nur so’n allgemeinen Eindruck erhalten."
"Wie ist das mit dem Copyright?" ließ
sich Porterhouse hören, "kriegen wir damit keinen Ärger?"
"Damit soll sich deine komische Firma
beschäftigen, Spike. Die haben ja schließlich jede Menge Anwälte. Außerdem,
glaub’ ich, sind die meisten Stücke über zwanzig Jahre alt, irgendwann ist das
Copyright dann erloschen. Oder so ähnlich." meinte Casio nachdenklich.
"Also lasset uns beginnen!" Spike öffnete
theatralisch seinen Kühlschrank und deutete wohlgelaunt auf die Reihen von
Bierdosen, die dort feinsäuberlich aufgestapelt waren. "Bedienet euch
selber!"
Was sie denn auch taten.
Langsam füllte sich der Raum mit
Zigarettenrauchschwaden, Gelächter und Erinnerungen, die lautstark ausgetauscht
wurden. Jeder von ihnen war ein Musiknarr, und jeder von ihnen war am Ende der
70er und am Anfang der 80er in Europa gewesen, vorzugsweise natürlich in
Großbritannien.
Klack-zisch, Bierdosen wurden geöffnet, und Casio
legte das erste Tape in den Kassettenrecorder, den Bronson mitgebracht hatte.
"Man hört ja gar nichts!" beschwerte sich
Bronson.
In der Tat war auf dem Tape wohl gesammeltes
Schweigen aufgenommen worden.
"Das hört sich ja an wie der Mondaufgang auf
einer von diesen bescheuerten esoterischen ääääh ...Dingern", witzelte
Spike
"Hhmmm – falsche Seite", brummte Casio,
"Hat einer mal 'nen Kugelschreiber?"
"Wofür?"
"Diese scheiß Kassette lässt sich nicht mehr
automatisch zurückspulen. Ich muss es mit dem verdammten Kugelschreiber
machen."
"Gute Güte", stöhnte Spike, "So
kommen wir ja nie weiter. Gut... Du spulst, und wir nehmen uns die CDs
vor...." Er suchte sich die Bollock Brothers heraus und legte sie in den
CD-Recorder.
Klack-zisch, weitere Bierdosen wurden geöffnet, und alle hingen ihren Erinnerungen nach.
Könnt Ihr Euch noch an John Peel erinnern? John Peel’s
Music? Bei der BBC, diesem
Armeesender? Das war der absolute Härtetyp. Der hat sich von allen Verrückten
Tapes schicken lassen...
Jau, der hat sich jeden Mist schicken lassen. Zuerst hatte er eine Stunde Sendezeit, dann haben sie ihm noch eine dazu gegeben.
Der verrückte Hund.
Da hab’ ich zum erstenmal die Bollocks gehört.
Spitzenmäßig!
Klack-zisch, weitere Bierdosen wurden geöffnet...
Bei Doktor Seltsam im Labor....
Joy Division..... Hatte der Sänger sich da schon
umgebracht?
The Fall, die waren SPITZE!!!
Ich sag nur eins: DEAD KENNEDYS!
Welche Platte war eigentlich zuerst da? Die weiße
oder die schwarze?
Hab’ ich vergessen. Aber die weiße hat sich
angehört, als wollte er sich demnächst umbringen.
John Peel – ich werd’ nicht mehr. Der hatte immer
so deutsche Sachen...
The Fall: I hate
containers and their drivers…
Absolut geil, aber unspielbar.
Oder war’s doch die schwarze?
Afro Biafra hieß der Sänger. Oder so ähnlich. Von
den Kennedys.
Genau, die Krupps. Wie soll man das spielen? Das
musst du schon 'ne Fabrikhalle haben mit, was weiß ich...Vorschlaghämmern?
Eye, caramba!!!
Holiday in
Cambodia!
da kam mir manches seltsam vor...
Quatsch, der heißt Yello Biafra!
Absolut geil.
Oder die, Mann ich komm gleich drauf....
Hääääh?
Klack-zisch, weitere Bierdosen wurden geöffnet...
.....jawoll, Einstürzende Neubauten.....
Spike erinnerte sich daran und auch an gewisse einstürzende Altbauten, als er zum erstenmal die Jägerin gefickt hatte, beziehungsweise die Jägerin ihn.... Ja, das traf es wohl eher.
Klack-zisch, weitere Bierdosen wurden geöffnet...
Kanntet Ihr DAF? Deutsch Amerikanische
Freundschaft?
Er erfand, wusstest du das schon...
Tanz den Mussolini? Geniaaaal! könnwer das nich bringen?
Tja tja– lang lang ist’s her. Mit der
Freundschaft....
Nee besser, nich.
Warum nich?
Is zu hart für die Kids.
Aber die Bollocks, die können wir bringen. Horror
Movies, das beste Stück.
Findste? Also mir gefällt The last supper besser.
Aber Horror Movies is natürlich auch nich schlecht. Hey, alle mal herhörn, was
is besser, Horror Movies oder The last Supper?
Man entschied sich drei zu zwei für Horror Movies.
Der Sänger (Klack-zisch, weitere Bierdosen wurden geöffnet..),
war das nicht der, der in den Buckingham-Palace eingebrochen ist?
....die Armbanduhr mit Telefon
Ich kann mich schwach erinnern.
Hört mal, Magazin.... 1980... Howard Devoto...
War das nich Michael Fagan? Der Bekloppte?
Supertyp!
War das nicht die Nachfolgetruppe von den
Buzzcocks?.
....von der Größe her ein Achtel
Hat sich in die Privatgemächer ihrer Majestät
geschlichen...
....Der normalen Streich-Holz-Schachtel...
Und mit ihr einen Sherry auf der Bettkante
getrunken.
Der verrückte Hund!
Dieses Stück von Simcity, das werde ich nie wieder
hören...
Bis sie ihn dann in die Klapsmühle gebracht haben.
Die Soundkarte wird einfach nich mehr erkannt...
War das wirklich wahr?
Glaub schon. Is schon so lange her...
Ohhhgottogott, DOS ist tot (verzweifelt)...
Buzzcocks war’n doch kikiiii...
Diese melancholische Melodie, wenn 'ne Stadt
gegründet wurde...
Hey, is das nich
B-Movie? Nee, ich glaub's nich! Wo
haste die denn her? Hupps, da hatte ich ja damals schon problems, die zu
kriegen.
Is aber 'ne beschissene Qualität.
Was zum Teufel hast du denn von 'ner Kassette nach
zwanzig Jahren erwartet? Dabei hab ich die noch geschont – hab sie nur bei
besonderen Anlässen gespielt.
Klack-zisch, weitere Bierdosen wurden geöffnet...
Man einigte sich nach großem Palaver auf die Stücke, die Spike von vorneherein favorisiert hatte. Ein Glück! Und sogar das Smiths-Stück ‚Last night I dreamt that somebody loved me’ hatten sie anstandslos geschluckt – war ja auch wirklich gut. Nur bei ‚the The’ hatten sie Zicken gemacht. Wäre zu weich. Da hatten sie irgendwie recht, musste Spike zugeben.
"Jetzt müssen wir nur noch üben, üben,
üben", meinte Bronson, "könnten wir nicht vielleicht was von meinen
Gedichten vertonen? Wär doch nicht schlecht, was?!"
"Nee, lass man!" lallte Porterhouse,
"Das würden die ja eh nicht schnallen. Perlen vor die Säue geworfen....
"
Spike dankte dem Himmel mit einem stummen
Stossgebet dafür, dass Porterhouse so diplomatisch war...
Zwei Stunden später löst sich die Runde auf, alle
sternhagelvoll und lustig. Immerhin hatte man sich darauf geeinigt, dass Spike
einen Proberaum organisieren sollte, am besten einen schallsicheren in einer
menschenleeren Gegend, am besten auf dem Mond, wo sie sich so richtig austoben
konnte.
Ende Teil 2 GONE
WITH THE DEATH? © Ingrid Grote 2003